Doch hinter dieser auf den ersten Blick guten Nachricht verbirgt sich eine schlechte.
Die ausgebrachte Toxizität hat nämlich zugenommen. Obwohl also eine geringere Menge versprüht wird, tötet diese mehr Tiere und Pflanzen ab als bisher. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung von Wissenschaftern des Instituts für Umweltwissenschaften an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.
Warum die Toxizität steigt
Experten nennen zwei Gründe für die zunehmende Toxizität auf den Feldern. «Viele der heutzutage eingesetzten Pestizide sind effektiver als ihre Vorgänger», sagt Ralf Schulz, Ökotoxikologe und Leiter des Landauer Forschungsteams. «Somit werden zwar mehr Schädlinge abgetötet, aber auch mehr nützliche oder harmlose Tiere und Pflanzen bedroht.»
Der zweite Grund seien Verschiebungen im Insektizidgebrauch, ergänzt Marion Junghans, Ökotoxikologin am Schweizerischen Ökotoxzentrum in Dübendorf. Um Bienen zu schützen, gelten seit 2018 in der EU wie auch in der Schweiz Verbote oder starke Einschränkungen für mehrere Mittel aus der Gruppe der Neonicotinoide. Als Ersatz würden sogenannte Pyrethroide verwendet.
Zunahme der Toxizität wird seit Jahren beobachtet
Die heutzutage verwendeten Pyrethroide sind chemisch abgewandelte Substanzen eines Moleküls, das Chrysanthemen produzieren. Sie wehren damit Insekten ab, die an ihren Blüten knabbern wollen. Pyrethroide schädigen das Nervensystem der Insekten und töten sie dadurch. Sie vernichten Schädlinge wie Mücken, Käfer oder Läuse gleichermassen wie harmlose Falter, Libellen oder Bienen. Zudem sind Pyrethroide sehr giftig für im Wasser abgelegte Insektenlarven oder Kleinkrebse und auch Fische. In grösseren Mengen sind Pyrethroide sogar für Menschen gefährlich.
«Die Zunahme der Toxizität sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ist ein etablierter negativer Trend», sagt Schulz. Das mache es schwer, ihn zu ändern. Somit würden beide Länder das in der Konvention zur Biodiversität formulierte Ziel verfehlen.
Die sogenannte Kunming-Montreal-Konvention sieht vor, dass bis 2030 das von Pestiziden für die Biodiversität ausgehende Risiko um 50 Prozent gesenkt werden soll. Deutschland wie auch die Schweiz gehören zu den fast 200 Ländern, die Ende 2022 die Konvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet haben, das Ziel zu erreichen.
Fungizide sind eine Gefahr für Bodenorganismen
Zunehmend Sorgen bereiten den Experten neben den Insektiziden auch Fungizide, also Produkte gegen schädliche Pilze wie Schimmel. Denn es gibt immer mehr Hinweise, dass diese Antipilzmittel auch zahlreiche Bodenorganismen wie Würmer abtöten.
Zudem stören sie den Stoffwechsel wichtiger Bakterien im Boden. Diese wohnen an den Pflanzenwurzeln und extrahieren wichtige Nährstoffe wie Stickstoff oder Phosphor aus dem Boden. Die Bakterien versorgen die Pflanzenwurzeln mit den aufbereiteten Nährstoffen. Fungizide beeinträchtigen die Verarbeitung der Nährstoffe.
Dies hat ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Marcel van der Heijden von der Universität Zürich in einer sehr umfangreichen Studie vergangenen Dezember gezeigt. Die Wissenschafter haben Pestizidrückstände sowie Bodenorganismen von mehr als 370 Orten aus 26 EU-Ländern analysiert. Sie untersuchten sowohl Ackerland als auch Wiesen und Waldflächen. Die Vielfalt der Effekte der Fungizide, aber auch der anderen Pestizide auf Bodenbewohner habe man zuvor nicht gekannt, betonen die Autoren.
Ebenso überraschend sei das Ausmass der Auswirkungen, die Pestizide auf die Bodenorganismen hätten. Denn ein Drittel der gefundenen Unterschiede zwischen behandelten und unbehandelten Flächen gehe auf die chemischen Mittel zurück.
Weitere Ursachen für den Verlust von Biodiversität
Pestizide sind jedoch keineswegs die einzige Bedrohung für Tiere und Pflanzen und somit auch nicht die alleinige Ursache des oft diskutierten Insektensterbens. Gemäss dem kürzlich veröffentlichten Bericht zur Biodiversität in der Schweiz gibt es weitere wichtige Faktoren. Dazu zählen ein schwindender und zersiedelter Lebensraum, zu hohe Stickstoffdüngung in der Landwirtschaft, der Klimawandel oder auch die Einwanderung fremder Arten.