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Exklusiv wie nie – her mit Inklusion

Die Schweiz bewegt sich Richtung integratives Schulsystem. Weg von Sonderschulen hin zur vollständigen Integration. Und der Arbeitsmarkt?

Unter der Führung von Simona Scarpaleggia wurde bei IKEA Schweiz auf jeder Stufe 50/50 Quote eingeführt, gleicher Lohn für gleiche Arbeit setzte sich durch und den Umsatz steigerte sie damit auf eine Milliarde Franken. Bild: PD

28. Juli 2022

In der Schweiz leben über 50 000 Kinder mit einer körperlichen, geistigen oder psychischen Besonderheit, welche aufgrund der UN-Konventionen regulär eingeschult werden sollen. Viele Kantone haben dies die letzten Jahre auch so umgesetzt. Doch bald werden diese Kinder erwachsen, kommen auf den Arbeitsmarkt und beginnen Ausbildung oder Studium. Die Öffentlichkeit diskutiert Diversität, vergisst dabei aber Inklusion. Wie gestalten wir also Jobmöglichkeiten, bei denen Unternehmen und Menschen profitieren? Ein Interview mit Louis Amport, seit über zehn Jahren im Inklusionsbereich mit Kindern und Jugendlichen tätig und selber mobilitätseingeschränkt, sowie Christina Spindler, Gründerin von inclusivevents, einem Verein, der den Einsatz von Eventpersonal mit Handicap fördert.

Wie bezeichnet ihr Menschen mit Besonderheiten?

Louis Amport: Ich mag lieber die Bezeichnung «Menschen mit Handicap», weil mich das an Golf erinnert. Der Platz mit 18 Löchern ist zwar gegeben, aber ich entscheide, was ich daraus mache und wie ich das Spiel mitgestalte.

Christina Spindler: In den USA hat es sich durchgesetzt, dass man sie «differently abled people» nennt – weil sie eben andere tolle Fähigkeiten haben.

Louis Amport: Genau, denn je nach Arbeitsbereich sind Menschen mit Handicap vielseitig einsetzbar. Autisten zum Beispiel, welche gut mit Zahlen können, sind oft tolle Programmierer.

inclusivevents schult Personal mit Handicap für Events. Welche Vorteile hat das für Organisationen?

Christina Spindler: Für Unternehmen ist diese Zusammenarbeit eine Chance, Corporate Social Responsibility zu leben und auszuprobieren, wie Inklusion funktioniert. Gleichzeitig erweitert es den Horizont des eigenen Teams. Die Helfer und Helferinnen mit Handicap erhalten die Möglichkeit, in die erste Arbeitswelt einzutauchen, Teil eines Teams zu sein, mal etwas anderes zu erleben. Das Ganze in einem gesteckten Rahmen und einer – oft – barrierefreien Umgebung. Eine Win-win-Situation für alle.

Letztes Jahr haben drei Personen am Swiss Economic Forum mitgearbeitet. Wie genau sieht so ein Einsatz aus?

Louis Amport: Beim Temperaturmessen habe ich oft Witze gemacht und den Leuten gesagt, dass sie die Hosen herunterlassen müssen. Da war mir egal, dass das irgendwelche CEOs sind. Sie fanden es ebenso lustig wie ich – zum Glück – und es hat die Stimmung gelockert. Wenn uns niemand beobachtet hat, sind wir heimlich mit den Rollstühlen Rolltreppe gefahren – das fanden wir sehr amüsant.

«Unserer Gesellschaft fehlen diese Begegnungszonen, aber nur so werden Berührungsängste abgebaut.»

Christina Spindler: Die Helfer werden mit 24 Franken pro Stunde entschädigt, ein branchenüblicher Tarif. Oft sind Stellen für Menschen mit Handicap unterbezahlt, dem wollen wir entgegenwirken. Zudem ist es wichtig für das Team vor Ort. Es ist auf Augenhöhe – in jeder Hinsicht. Auch das Feedback der Teilnehmenden oder anderen Mitarbeitenden fällt immer sehr positiv aus. Unserer Gesellschaft fehlen diese Begegnungszonen, aber nur so werden Berührungsängste abgebaut. Inklusion muss man erst kennenlernen, Schritt für Schritt.

Welches sind die Hürden beim Thema Inklusion in der Arbeitswelt?

Christina Spindler: Diese finden wir weniger bei Arbeitgebenden, sondern mehr im Sozialsystem. Je nach zusätzlichem Einkommen werden die IV-Renten gekürzt, wenn Personen anderweitig arbeiten. Dabei sollte Engagement belohnt und nicht bestraft werden. Damit wird auch die Selbstbestimmung stark eingeschränkt.

Louis Amport: Das ist im eigentlichen Sinn ja auch gerecht, doch so werden Innovation und Fortschritt ausgebremst. Wirtschaftlich ist die IV nicht am Puls der Zeit, nur schon, weil man mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig sein muss, um die Rente zu erhalten. 60-Prozent-Stellen gibt es nur wenige. Der viel zu starre Rahmen und die komplizierten Richtlinien erschweren es, im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen zu können. Der Eventeinsatz schafft Visibilität.

Wie lautet euer Appell an die Gesellschaft?

Louis Amport: Wir brauchen mehr Mut! Arbeitgebende wie auch das Schweizer Sozialsystem, Menschen mit Handicap und alle anderen. Jeder von uns hat verschiedene Stärken und Schwächen. Inklusion lässt alle mitwirken.

Christina Spindler: Wir alle müssen den Begriff weiter ausdehnen, und dabei zum Beispiel auch an ältere Personen denken. Wo fängt Inklusion an? Wo müssen wir als Gesellschaft offener werden? Durch die Corona-Krise hat die Bildungslandschaft einen unglaublichen Sprung Richtung digitale Bildung und hybride Modelle gemacht. Das gibt Menschen mit körperlichen Einschränkungen endlich die Möglichkeit, problemlos an diesen Ausbildungen teilzunehmen. Wir müssen anfangen, immer und überall an alle zu denken.

Rachel Fassbind, NZZ-Verlagsbeilage «Swiss Economic Forum» (21.08.2021)

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