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Plastik: Macht Kunststoff wirklich unfruchtbar?

Einen Monat Plastik essen: In seinem Selbstversuch «Das Jenke-Experiment» wollte Jenke von Wilmsdorff sehen, wie sein Körper auf grosse Mengen Kunststoff reagiert. Das Ergebnis? Erschreckend.

Bild: PD

2. August 2022

Natürlich verzehrte er den Kunststoff nicht direkt, sondern wärmte jede Fertigmahlzeit in Plastikbehältern auf und trank lediglich aus PET-Flaschen. Zudem trug er zum Sport Kleider aus Polyester, schwitzte extra viel und trug Cremes aus Plastikbehältern auf. Das Ergebnis: Nach einem Monat konnten bis zu 400-mal so viele Weichmacher in seinem Blut und Urin festgestellt werden wie vorher. Warum das so gefährlich ist? Plastik enthält Weichmacher, diese wirken sich negativ auf den Hormonhaushalt aus und können auch die Vitaminaufnahme beeinträchtigen. Jenke hat es am eigenen Leib gespürt: «Bereits nach zwei Wochen fühlte ich mich schlapper, bekam Migräneattacken und hatte Verdauungsschwierigkeiten.»

Immer mehr Männer zeugungsunfähig

Neben den direkten Auswirkungen von Vergiftungserscheinungen sind vor allem die Langzeitfolgen erschreckend. Erhöhtes Risiko für Krebs, Diabetes und Erkrankungen der Schilddrüse sind von zahlreichen Studien belegt, am Schockierendsten ist jedoch die Korrelation zwischen Plastik und Unfruchtbarkeit. War die gemessene Spermienanzahl 1940 noch bei 100 Millionen Spermien pro Samenflüssigkeit, haben heutzutage rund 30 Prozent der jungen Männer eine unnatürlich tiefe Spermienanzahl. Die Unfruchtbarkeitsquote dürfte dem Jenke-Experiment zufolge noch weiter ansteigen: Bis 2040 wäre die Hälfte aller Männer kaum noch in der Lage, Kinder zu zeugen.

Stefan Georgios Moellhausen ist ausgebildeter Toxikologe und erklärt den Plastikeffekt: «Weichmacher haben eine hormonähnliche Wirkung. Das bringt den ganzen Hormonhaushalt durcheinander. Besonders dann, wenn der Körper keine optimale Entgiftungsleistung besitzt. Fertilitätsprobleme und die Verweiblichung des Körpers sind Folgen dessen, da wegen der Weichmacher mehr weibliche Hormone ausgeschüttet werden.» Auch Übergewicht werde so begünstigt, ergaben die Forschungen.

Von Plastikflut überschwemmt

Doch die «Plastifizierung» in den vergangenen 60 Jahren hat sich nicht nur auf den Menschen ausgewirkt, auch die Umwelt ist betroffen. Dass beispielsweise Mikroplastik in den Meeren zu Artensterben und Verschmutzung der natürlichen Lebensräume führt, ist bekannt. Laut WWF landen rund zehn Prozent der weltweiten Kunststoffproduktion in den Meeren. Das ist viel. Denn gesamthaft werfen wir laut einer Schätzung der Vereinten Nationen (UNO) 400 Millionen Tonnen Plastik fort, entsprechend landen rund 40 Millionen Tonnen in den Ozeanen. Doch damit soll bald Schluss sein. Die Umweltversammlung der Uno (UNEA) hat kürzlich in einer Resolution beschlossen, ein globales Abkommen gegen die Verschmutzung der Umwelt mit Plastik auszuhandeln. Schon 2024 soll es bereit sein zur Ratifizierung. Grundsätzlich gilt aber: Je weniger Plastik produziert wird, desto besser. Und das steuern wir mit unserem Konsum. Das umfasst den Verzicht von Pappbechern, verpackten Snacks, industriellen Fertiggerichten, Kosmetik in Plastikbehältern und Sportkleider aus Kunststoff.

Die gute Nachricht

Das meiste Mikroplastik, welches wir über die Luft, die Nahrung oder Produkte wie Körpercremen aufnehmen, scheidet der Körper wieder aus. Lediglich Stoffe wie Weichmacher kann der Darm nicht verdauen. Aber auch die bauen sich nach einer Weile ab, wenn man auf Plastik verzichtet – oder zumindest die Menge reduziert. So senkt sich übrigens auch das Krebsrisiko.

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