Zu diesem Zeitpunkt klagt auch die 69-Jährige über Magen-Darm-Beschwerden. Sie wird tags darauf nach Johannesburg ausgeflogen, von wo sie am selben Tag mit einem regulären KLM-Flug weiter nach Amsterdam reisen möchte. Doch noch vor dem Abflug verschlechtert sich ihr Zustand. Sie wird von Bord geleitet, bricht zusammen und stirbt am 26. April in einem Krankenhaus in Südafrika.
Wenig später Fälle Nummer drei und vier: Ein britischer Passagier meldet sich am 24. April ebenfalls mit Atemnot und Fieber beim Schiffsarzt. Auch er wird nach Südafrika ausgeflogen, wo er seither auf einer Intensivstation liegt. Am 28. April treffen die Symptome noch eine deutsche Passagierin, sie stirbt vier Tage später, als letztes von bisher drei Todesopfern der bis dahin rätselhaften Erkrankungsserie an Bord der «MS Hondius».
Spätestens jetzt dürfte sich allen an Bord der Verdacht aufgedrängt haben, dass es sich hier nicht um eine zufällige Häufung von Erkrankungen handelte. Aber erst am 2. Mai wurde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Verdacht eines möglichen Infektionsgeschehens an Bord mitgeteilt.
An Bord treibt die Andesvariante des Hantavirus ihr Unwesen
Inzwischen ist klar: Die ersten vier Fälle gehen ebenso wie eine Reihe weiterer Infektionen an Bord des Schiffes auf die sogenannte Andesvariante des normalerweise von Nagern übertragenen Hantavirus zurück. Es war offenbar von dem verstorbenen Niederländer an Bord gebracht worden und breitete sich dort aus.
Nach und nach wurden diese Woche weitere Einzelheiten bekannt. So war das niederländische Ehepaar nach Angaben argentinischer Behörden schon seit November in Südamerika unterwegs, zuletzt auch in Regionen, in denen das Andesvirus vorkommt. Das Virus hat eine Inkubationszeit von mehreren Wochen, also könnte sich der Mann schon lange vor Antritt der Kreuzfahrt infiziert haben.
Zudem stellte sich heraus, dass nach der Ankunft auf der Vulkaninsel St. Helena und dem planmässigen Ende des Hauptarms der Kreuzfahrt am 24. April etliche Passagiere das Schiff verliessen und die Heimreise antraten – die Reederei sprach jüngst von 29 Personen aus mindestens 12 Nationen. Unter ihnen war auch ein Schweizer, der inzwischen mit einer bestätigten Infektion im Unispital Zürich liegt.
Hätte man nicht schon bei der Ankunft auf St. Helena von einem Infektionsgeschehen ausgehen und die Passagiere von der Weiterreise abhalten müssen? Dies gehört zu den zahlreichen Fragen, die sich die Reederei nun stellen lassen muss. Momentan werden laut WHO sämtliche von St. Helena Abgereiste nachverfolgt – und im Krankheitsfall auch alle ihre Kontakte.
Was weiss man über die Andesvariante des Hantavirus?
Hantaviren kommen weltweit in Mäusen vor. Menschen können sich in der Regel nur anstecken, wenn sie in grösserem Umfang in Kontakt mit Kot, Urin oder Speichel der Nager kommen. Einzig bekannte Ausnahme: Die Andesvariante von Hanta wird in seltenen Fällen auch von Mensch zu Mensch weitergegeben.
Sie kommt ausschliesslich im Süden von Chile und Argentinien vor, wo ihr wichtigster natürlicher Wirt lebt, die Langschwanz-Reisratte. Dort kommt es regelmässig zu Infektionen von Nager zu Mensch. Belegte Fälle von Übertragungen von Mensch zu Mensch sind dagegen selten. Entsprechend dürftig ist auch der medizinische Erfahrungsschatz.