Wieder gibt es ein neues Tier, um dessen Schicksal die Öffentlichkeit mit Inbrunst bangt. Gerade erst rührte das einsame Äffchen Punch, das ein Ikea-Plüschtier als Mutterersatz mit sich herumtrug, zu Tränen. Jetzt ist es der Buckelwal Timmy, dessen Schicksal kollektiv erschüttert.
Timmy hat sich in die Ostsee verirrt, alle naselang strandet er auf einer neuen Sandbank. Bei jeder Flossenbewegung tickert die «Bild»-Zeitung einen neuen Kommentar. Scharen von Schaulustigen pilgern zu den Rettungsaktionen und debattieren mit Influencern darüber, was zu tun sei. Als Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus mitteilte, dass der Wal nicht mehr zu retten sei, rann ihm eine Träne die Wange herunter, alle Beteiligten wirkten sichtlich erschüttert und betonten, welche Hochachtung sie vor dem majestätischen Tier empfänden. Hochachtung!
Es ehrt jeden Menschen, Anteil zu nehmen an der Existenz eines anderen Lebewesens. Aber es ist interessant, wann und mit wem wir Menschen Mitgefühl haben – und zu welch engen Konditionen wir bereit sind, es zu empfinden: nämlich dann, wenn es in Wahrheit um uns selbst geht.
Hat etwas einen Namen, ist es uns nah
Denn warum bewundern wir die alte Schönheit eines Buckelwals und wünschen ihm einen würdevollen und schmerzlosen Tod, während das Leid von Milliarden Tieren im Angesicht der Artenkrise in uns höchstens ein laues Unwohlsein auslöst? Warum gibt es dieses gigantische Mediengetöse, diese Emotion für einen einzelnen Wal, während wir für Menschen in Not in den gegenwärtigen politischen Krisen vor allem emotionale Indifferenz übrig haben?
Zu Recht kann man hier einwenden, dass das eine das andere nicht ausschliesst. Man kann sowohl Mitleid für einen gestrandeten Wal als auch für ukrainische Zivilisten empfinden, es ist ja kein Wettbewerb der Qualen. Aber es ist kein Zufall, dass der Buckelwal Timmy unmittelbarer zu Tränen rührt als die Ukrainer.
Zunächst liegt das an der Personalisierung: Der Mensch hat vor allem Mitgefühl mit Tieren, wenn sie als einzelne Charaktere auftreten und einen Namen haben, dann können wir uns mit ihnen identifizieren. Sind sie dazu hübsch und flauschig, befeuert das noch die Emotionen. Deshalb wählen Artenschützer meistens Pandas oder Eisbären als Symboltiere aus, die ziehen einfach mehr als ein Nachtfalter.
Unsere Zärtlichkeit ist Eigennutz
Der Buckelwal Timmy ist hingegen sehr unflauschig. Das verweist auf eine tiefere Ebene, die charakteristisch für unser Mensch-Tier-Verhältnis ist: Der Philosoph Jacques Derrida schrieb, dass wir Tiere als Spiegel benutzten für Eigenschaften, die wir uns selbst wünschten, vermissten oder gar in uns fürchteten. Riesige Wale, die im blauen Meer schwimmen und als intelligent und sozial gelten, sind perfekte Projektionsflächen für Konzepte wie Unschuld, Natürlichkeit, Authentizität und Freiheit.
Diesen Projektionsmechanismus bei Tieren beschreibt die Philosophin und Tierethikerin Élisabeth de Fontenay als «ontologisches Rätsel»: Tiere sind uns einerseits ähnlich, sie werden geboren, leiden, atmen. Dennoch bleiben sie uns fremd, denn sie haben keine Sprache und leben ein anderes Leben mit anderen Weltbezügen. Das macht es einfach, Tiere als eine Art unschuldigen Menschen zu interpretieren, wir halten sie für moralisch rein. Mit so einem unschuldigen Objekt lässt sich völlig befreit Mitgefühl empfinden. Je unverschuldeter ein Tier in eine Notsituation geraten ist, desto zärtlicher und trauriger betrachten wir es.
Umgekehrt sind wir im Angesicht von politischen Krisen und des Leids anderer Menschen von moralischer Komplexität übermannt: Andere Menschen sind nie unschuldig, irgendwas werden die schliesslich getan haben, um in diese Situation zu geraten. Oder?
Es ist wertvoll, Mitgefühl zu empfinden für ein anderes Wesen. Aber wir sollten dabei nicht zu ergriffen von uns selbst sein. Denn Begriffe wie Unschuld und Freiheit sind moralische Kategorien aus der Menschenwelt, gegen die sich ein Tier nicht wehren kann. Wenn ein Mensch mit Tieren zu tun hat, sollte er sich immer fragen: Geht es hier in Wahrheit um mich? Denn im idealisierten Tier suchen wir eine verlorene Version unseres Selbst – und vereinnahmen es damit für unsere Zwecke.