Agrarwissenschaften: Was Milch mit KI zu tun hat
Wie Feld-Forschung an der ETH Zürich im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur ihren Teil zur Klimasicherung beiträgt, sondern auch unzählige neue Berufsfelder eröffnet.
0
Auf der Forschungsstation Früebüel (ZG) wird unter anderem der Gasaustausch zwischen Grasland und Atmosphäre gemessen. Foto: Iris Feigenwinter/ETH Zürich
Wie Feld-Forschung an der ETH Zürich im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur ihren Teil zur Klimasicherung beiträgt, sondern auch unzählige neue Berufsfelder eröffnet.
0
5 Min. • • Silvia Tschui
Kühlschrank auf, Milch raus, Milch in den Kaffee, Kühlschrank wieder zu. Wachen Schweizerinnen und Schweizer am Morgen auf, denken sie kaum daran, dass ganze Forschungs- und Berufsfelder damit beschäftigt sind, ihnen diesen Standard zu erhalten. Genauso wenig werden sie beim Blick aus dem Auto- oder S-Bahnfenster überlegen, dass Wissenschafterinnen und Wissenschafter unterschiedlichster Couleur mit dem Erhalt und der Entwicklung der Landschaft beschäftigt sind, auf die sie blicken. Einige der vielen «Fäden» dieser Forschung laufen bei Nina Buchmann, ETH-Professorin für Graslandwissenschaften, zusammen. Sie untersucht, wie Wiesen, Weiden und Äcker nicht nur Lebensmittel liefern, sondern auch als Akteure im Klimawandel agieren.
Lange galt Landwirtschaft dabei vor allem als problematisch. Kühe stossen Methan aus, Böden emittieren Lachgas und Kohlendioxid, Dünger belastet die Gewässer. Buchmanns Forschung zeigt jedoch, dass die Böden von Wiesen und Weiden wichtige Kohlenstoffsenken sein können. Behandelt man sie richtig, nehmen gut bewirtschaftete Wiesen mehr CO₂ auf als sie abgeben.
Mit schweizweit verteilten Messstationen, die seit mehr als 20 Jahren bis zu zwanzigmal pro Sekunde den Gasaustausch zwischen Boden, Vegetation und Atmosphäre erfassen, konnten Prof. Buchmann und ihr wissenschaftliches Team beweisen: Wiesen sind meist Kohlenstoffsenken. Werden sie jedoch umgebrochen, also gepflügt, kann innert kurzer Zeit ein Grossteil der zuvor aufgebauten Klimaleistung verloren gehen.
Wenn Messdaten zu Politik werden
Aus Buchmanns Daten entstehen so konkrete Handlungsvorschläge für Landwirtschaft und Politik. Etwa, lieber eine Direktsaat anstatt einen Umbruch vorzunehmen, wenn die Wiese erneuert werden soll, und die Zeitdauer mit unbedecktem Boden möglichst kurz zu halten. Oder den Stickstoffeintrag zu reduzieren und genau auf den Pflanzenbedarf abzustimmen, damit die Wurzeln die Konkurrenz um den Stickstoff im Boden gewinnen und so die Mikroorganismen weniger Lachgas freisetzen.
Entscheidend ist auch die Artenvielfalt. «Unsere Forschung hat gezeigt, dass artenreiches Grasland eine wichtige Versicherungsleistung bietet: Es fängt Trockenheit und Hitzewellen besser ab und erzielt stabilere Erträge als eintönige Bestände», sagt Buchmann. So liefert Buchmanns Forschung der Politik auch datenbasierte Grundlagen, um den Schutz der Biodiversität voranzutreiben.
Nicht nur national gesehen besteht ein Zusammenhang zwischen unserer Milch und Buchmanns Daten. Sie fliessen in internationale Klimaberichte wie jene des Weltklimarats ein, wo Grasland, Lachgasemissionen und Kohlenstoffsenken als Stellschrauben der Agrar- und Klimapolitik sichtbar werden.
Auf nationaler Ebene hat Prof. Buchmann gemeinsam mit dem World Food System Center eine Foresight-Studie für das Bundesamt für Landwirtschaft verfasst: Darin wurde skizziert, wie das Schweizer Ernährungssystem ressourcenschonend und zukunftsfähig werden kann. Viele der dort gesetzten Prioritäten flossen in ein grosses Agrarforschungsprogramm ein – Buchmanns Datensätze bilden damit eine der Grundlagen, aufgrund derer in der Schweiz Forschungsgelder gesprochen werden.
Karriere mit Hightech und System
Und diese Gelder tragen zur forschungsnahen Lehre und damit zur Entstehung neuer Berufsfelder bei. Denn wer Grasland erforscht, landet nicht zwangsläufig im Stall oder auf der Versuchswiese, sondern vielleicht in einem Robotik-Startup, konzipiert Algorithmen, die Saatzeitpunkte und Düngemengen optimieren, oder entwickelt neue Auswertungen von Satellitenbildern.
Quelle: BFS/Infografik.ch
So starten Agrarwissenschafterinnen und Agrarwissenschafter der ETH Zürich ins Berufsleben
Tätigkeitsbereiche von Master-Absolventinnen und -Absolventen in Agrarwissenschaften; Näherungen auf Basis der Absolventenbefragung des BfS 2017, 2019, 2021, 2023*
Weil das Studium an der ETH Zürich stark systemorientiert ist – Boden, Pflanzen, Tiere, Klima, Ökonomie und Gesellschaft werden zusammen gedacht und Agrarökosysteme als Teil des Umweltsystems verstanden –, sind die Berufsfelder erstaunlich breit. ETH-Agrarwissenschafterinnen und -wissenschafter gehen zu Banken und (Rück-)Versicherungen, wo sie Klimarisiken bewerten oder Versicherungsprodukte gegen Extremereignisse entwickeln. Andere arbeiten in Industrieunternehmen und werten riesige Datensätze aus, um Wertschöpfungsketten robuster zu gestalten oder Märkte für nachhaltige Produkte zu identifizieren. Hinzu kommen Tätigkeiten in NGOs, Entwicklungszusammenarbeit, Verwaltung oder Wissenschaftskommunikation – überall, wo jemand erklären muss, weshalb es sich lohnt, über Wiesenmischungen, Methan, CO2 und Lachgas nachzudenken, Zielkonflikte zu identifizieren und Lösungen zu entwickeln. «Unsere Studierenden wollen Zusammenhänge verstehen, Ernährung sichern und Ressourcen schützen – mit innovativen Methoden, Hightech und KI die Zukunft gestalten», führt Buchmann ins Feld. Damit wir auch in 50 Jahren noch unser Frühstück und unsere Landschaften geniessen können.
«Lösungen für uns alle»
Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, erklärt, warum die klügsten Köpfe Agrarwissenschaften studieren sollten.
Herr Hofer, Sie sind selbst ETH-Agronom. Was hat Ihnen das Studium mitgegeben, das Sie bis heute täglich nutzen?
Das systemische Denken. Im Agrarwissenschaftsstudium lernt man von Anfang an, ökonomische, ökologische und soziale Zusammenhänge gemeinsam zu denken. Dazu kommt die faktenbasierte Methodik: Statistik, analytisches Arbeiten, evidenzbasierte Entscheidungsfindung. Das ETH-Studium hat mich gelehrt, komplexe Probleme strukturiert und gleichzeitig vernetzt denkend anzugehen. Dieses Rüstzeug ist heute relevanter denn je.
Relevanter denn je – weshalb?
Weil Ernährungssicherheit zur zentralen gesellschaftlichen Herausforderung geworden ist. In einem Umfeld von Bevölkerungswachstum, knapper werdenden Ressourcen und Klimawandel braucht die Wirtschaft dringend Fachleute, die so unterschiedliche Fachgebiete wie Ingenieurwissen, Agronomie, Ökonomie und biologisches Verständnis miteinander verbinden. ETH-Absolventinnen und -Absolventen bringen genau das mit: vernetztes Denken, Praxisnähe und Einsatzbereitschaft vom ersten Tag an. Das Studium verpflichtet früh zu Praktika – viele sammeln dabei Auslanderfahrung und sind auch deshalb auf dem Arbeitsmarkt gefragt.
Wo konkret leisten Agrarwissenschafter und -wissenschafterinnen heute den grössten Beitrag?
Nehmen Sie etwa die Trockenheit der vergangenen Sommer: Allein schon hier braucht es kombiniertes Wissen, das ineinandergreift und sich ergänzt – etwa bei der Züchtung trockenresistenter Sorten, bei effizienten Wasserverteilungssystemen oder bei der Entwicklung intelligenter Bewässerungssysteme. Auch die Analyse von Nährstoffkreisläufen oder ressourcenschonende Anbaumethoden sind zentrale Felder. Die Stärke der Agrarwissenschaften liegt gerade darin, dass sie diese und noch viele weitere Disziplinen zusammenführen. Wer so systemisch denken gelernt hat, ist in unglaublich vielen Feldern im Arbeitsmarkt extrem gefragt.
Trotzdem entscheiden sich viele Talente für IT oder Wirtschaft. Was halten Sie denen entgegen?
Dass man in den Agrarwissenschaften beides und noch viel mehr lernt und anwendet und erst noch in einem sehr sinnhaften Themenfeld tätig ist. Man arbeitet an Lösungen, die die Welt wirklich braucht. Die Karrieremöglichkeiten sind breiter als viele denken: von der Privatwirtschaft über Versicherungen bis zu Bildung und Verwaltung. Und das Studium ist praxisnah, bodenständig im besten Sinne.
Foto: BLW
Christian Hofer
Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft
Foto: ETH Zürich
Nina Buchmann
Professorin für Graslandwissenschaften, ETH Zürich
Weitere Informationen zum ETH-Studium der Agrarwissenschaften.
Deklaration: Dieser Inhalt wurde vom Sustainable Switzerland Editorial Team im Auftrag von ETH Zürich erstellt.
Dieser Artikel behandelt folgende SDGs
Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.
Werbung
Klima & Energie
Der Winter 1709 war der kälteste seit Menschengedenken – und eine Initialzündung für die Wissenschaft5 Min. •
14