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Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic erklärt, wo die Nähe der Spiele in Italien tatsächlich Spielraum schafft – und warum am Ende vor allem die Nachnutzung von Infrastruktur über die Bilanz entscheidet.
Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic erklärt, wo die Nähe der Spiele in Italien tatsächlich Spielraum schafft – und warum am Ende vor allem die Nachnutzung von Infrastruktur über die Bilanz entscheidet.

Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic, vor den Winterspielen in Mailand–Cortina. Bild: Keystone

Klima & Energie

«Nicht immer können wir den ökologischen Fussabdruck so klein halten, wie wir wünschen»

Die Winterspiele Milano-Cortina vom 6. bis 22. Februar 2026 liegen für die Schweiz ungewöhnlich nahe. Delegationsleiter Ralph Stöckli spricht im Interview über nachhaltige Chancen, ökologische Zielkonflikte – und darüber, wie glaubwürdig olympische Grossanlässe im Zeichen des Klimawandels noch sein können.

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«Nicht immer können wir den ökologischen Fussabdruck so klein halten, wie wir wünschen»

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Milano-Cortina 2026 findet quasi «vor der Haustür» statt: Welche organisatorischen Chancen betreffend der Nachhaltigkeit sehen Sie darin speziell für das Swiss Olympic Team und die Schweizer Fans?

Ralph Stöckli: Zum ersten Mal seit 2006 entfallen für die Schweizer Athletinnen und Athleten und für die Fans lange Flugreisen an Olympische und Paralympische Winterspiele. Die Wettkämpfe in Mailand sind schnell und bequem mit dem Zug zu erreichen. Aber auch andere Austragungsorte wie Bormio oder Livigno sind aus der Schweiz via Graubünden ohne Privatauto gut erreichbar.

Die Spiele setzen laut IOC und Organisationskomitee stark auf bestehende Anlagen und eine dezentrale Durchführung im Sinne der Nachhaltigkeit. Welche Erwartungen hat die Schweiz an die ökologische Bilanz dieser Winterspiele – und wo sehen Sie kritische Punkte, etwa bei Mobilität oder Infrastrukturprojekten im Alpenraum?

Grundsätzlich haben wir den Anspruch an das Organisationskomitee, die Olympischen Spiele so nachhaltig wie möglich durchzuführen. Kritisch wird es aus unserer Sicht, wenn für einen Grossanlass eine neue Infrastruktur erstellt wird, ohne dass ein Plan oder der Bedarf des Sports für die Nachnutzung dieser Infrastruktur besteht. Aus unserer Sicht wäre es daher etwa sinnvoller gewesen, für die Olympischen Winterspiele 2026 eine bestehende Bobbahn zu nutzen, statt in Cortina eine neue zu bauen. Zusammen mit St. Moritz hat Swiss Olympic auch Hand geboten für eine solche Lösung. Dass dies abgelehnt wurde, müssen wir aber akzeptieren. Wenn die Durchführung von Olympischen und Paralympischen Spielen dazu beiträgt, die Umsetzung und Erstellung von geplanten und benötigten Infrastrukturprojekten zu beschleunigen, sorgt das in unseren Augen für eine Win-Win-Situation.

Der 1976 in Uzwil (SG) geborene Curler ist ein Olympiade-Veteran: Ralph Stöckli gewann mit seinem Team mehrere Medaillen, darunter Olympia- Bronze 2010 in Vancouver, WM-Silber 2003 sowie EM-Gold 2006 und EM-Silber 2009. Seit seinem sportlerischen Rücktritt ist der ausgebildete Sportlehrer bei Swiss Olympic tätig und dort seit den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro der Chef de Mission des schweizerischen olympischen Teams.

Swiss Olympic verfügt über eigene Leitlinien zu Nachhaltigkeit, Raum und Umwelt. Wie stellen Sie sicher, dass die Schweizer Delegation – von der Anreise bis zur Unterbringung – den ökologischen Fussabdruck möglichst klein hält?

Einige unserer Delegationsmitglieder reisen mit dem öffentlichen Verkehr an die Austragungsorte. Grundsätzlich verzichten wir möglichst auf individuelle Anreisen, auf unnötige Autofahrten und auf Flüge. Ausserdem sind wir und unsere Lieferanten bei der Beschaffung der Delegationsbekleidung unseren Nachhaltigkeitsstandards verpflichtet. Aber wir müssen ehrlich sein: Unsere Aufgabe besteht auch darin, im Hochleistungssport für bestmögliche Bedingungen für unsere Athletinnen und Athleten zu sorgen. Nicht immer können wir deshalb den ökologischen Fussabdruck so klein halten, wie wir es uns wünschen würden.

Das «House of Switzerland» in Norditalien soll die Schweiz als innovatives, nachhaltiges Alpenland präsentieren. Welche Rolle spielt diese Plattform für das Swiss Olympic Team und wie möchten Sie dort das Bild der Schweiz als Wintersport‑ und Nachhaltigkeitsnation stärken?

Das «House of Switzerland» in Cortina, betrieben von Präsenz Schweiz, besteht aus einer Holzkonstruktion, die wiederverwendet werden kann. Nach den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro und den Winterspielen 2018 in Pyeongchang kommt das gleiche Gebäude bereits zum dritten Mal an Olympischen und Paralympischen Spielen zum Einsatz. Swiss Olympic, bzw. die Schweizer Delegationsmitglieder, dürfen jeweils im House of Switzerland zu Gast sein und die Athletinnen und Athleten prägen hoffentlich auch mit ihrem Aufenthalt dort das Bild der Schweiz in Mailand und in Cortina.

Viele Schweizer Schneesportverbände haben eigene Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt. Spüren Sie bei Athletinnen und Athleten einen gesteigerten Anspruch, dass Olympische Spiele nicht nur sportlich fair, sondern auch ökologisch und sozial verantwortungsvoll organisiert werden? Wie reagieren Sie als Delegationsleiter darauf?

Dieses Bedürfnis spüren wir auf jeden Fall. Verschiedene Athletinnen und Athleten haben auch schon öffentlich gesagt, dass sie sich in ihrer Sportart eine intensivere Auseinandersetzung mit ökologischen Themen und entsprechende Massnahmen in diesem Bereich wünschen. Und auch bei den Verbänden wird viel dazu geforscht und nachgedacht. Ich finde das positiv. Gleichzeitig steckt der Spitzensport auch hier im Dilemma: Damit das Publikum in unterschiedlichen Märkten bedient werden kann, müssen die Wettkämpfe in verschiedenen Regionen der Welt stattfinden. Das bedeutet, dass entsprechend gereist werden muss. Und auch den Athletinnen und Athleten ist bewusst, dass auch sie besser von ihrem Sport leben können, je populärer dieser weltweit ist.

Die Winter werden generell wärmer und weniger schneesicher. Wo und wie werden Winterspiele in mittel- und längerfristiger Zukunft überhaupt noch durchgeführt werden können?

Mit dieser Frage hat sich 2023 eine unabhängige Studie befasst, die 93 Wintersportstandorte untersuchte, die grundsätzlich für die Austragung Olympische und Paralympische Winterspiele in Frage kommen. 52 dieser Standorte sind gemäss dieser Untersuchung auch in den 2050er Jahren nach wie vor schneesicher. Mittelfristig bestehen somit Optionen. Nichtsdestotrotz muss das Engagement gegen den Klimawandel auch in Zukunft aufrechterhalten werden und Swiss Olympic will seinen Beitrag dazu leisten. Auch mit der Kandidatur für Olympische und Paralympische Spiele 2038 in der Schweiz. Mit einem fortschrittlichen, dezentralen Konzept wollen wir nachhaltige Spiele organisieren, die zur Schweiz passen und über den Sport hinaus ein wertvolles Vermächtnis hinterlassen.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
12 - Verantwortungvoller Konsum und Produktion
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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