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Bild: Karin Hofer / NZZ

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Regenwald gibt es nur in den Tropen? Nein, auch in einem Gürtel vom Napfgebiet bis ins Appenzellerland

Europa entdeckt gerade seine Regenwälder – temperierte und feuchte Wälder mit vielen Flechten, Moosen und Farnen.

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Regenwälder vermutet man meist in exotischen Ländern wie Brasilien oder Thailand. Doch es gibt auch eine kühle Variante davon. Die sogenannten temperierten Regenwälder. Sie wachsen unter anderem an der Westküste Kanadaxs oder Chiles. Im Jahr 2011 propagierte eine Studie eines internationalen Teams von Forschenden, dass es Regenwälder auch in Europa gebe – unter anderem in der Schweiz.

Über ein Jahrzehnt lang schien diese Idee so abwegig, dass sie in der Forstszene schlicht ignoriert wurde. Doch nun kommt Bewegung in die Sache. Regenwälder werden Teil der Naturschutzstrategie in Europa. Die Schweiz könnte hier mitziehen, doch leider mag sie den Begriff noch nicht so richtig in ihr Herz schliessen.

Gemäss Studie erstreckt sich der Schweizer Regenwaldgürtel vom Napfgebiet über Luzern und weiter über die Region Schwyz-Einsiedeln, das obere Tösstal, das Toggenburg und das Appenzellerland. «Dass dieser Wald auch im Alpenbogen vorkommt, war für uns eine Überraschung», sagt der Studienleiter Dominick DellaSala, Naturschutzbiologe bei der amerikanischen Umweltorganisation Wild Heritage. Er und sein Team haben nach einer allgemeingültigen Definition von «temperiertem Regenwald» gesucht. «Damals gab es fast keine wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Wir wussten nicht einmal, wo diese Wälder weltweit vorkamen.»

Die Daten aus DellaSalas Europakarte hat Atlant Bieri auf die Schweizer Karte übertragen. Grün eingetragen sind die potenziellen Regenwaldgebiete in der Schweiz.

Die Daten aus DellaSalas Europakarte hat Atlant Bieri auf die Schweizer Karte übertragen. Grün eingetragen sind die potenziellen Regenwaldgebiete in der Schweiz.

Die Forschenden berechneten ein auf Klimadaten basierendes Kartenmodell. Im Wesentlichen flossen Niederschlags- und Temperaturdaten ein. «Regenwälder brauchen in der Regel einen hohen jährlichen Niederschlag von über 1000 Millimeter. Der Sommerniederschlag sollte dabei nicht unter 200 Millimeter liegen», erklärt DellaSala.

Das Modell produzierte eine Weltkarte mit allen potenziellen Regenwaldgebieten. In Europa umfasste dies die Westküste Norwegens und Schottlands, Teile von Irland sowie die österreichischen und Schweizer Voralpen. «Das Relief der Alpen schafft ein ähnliches Klima wie an einer Küste», sagt DellaSala. An den Bergen wird die Luft nach oben gedrückt. Dadurch bilden sich Wolken, die schliesslich abregnen und für viel Feuchtigkeit sorgen.

An der hiesigen Forstszene ging die Studie vorbei

Daneben zeichnen sich temperierte Regenwälder vor allem durch eine hohe Artenvielfalt bei den Flechten, Moosen und Farnen aus. Auch dies floss in das Kartenmodell ein. «Diese Organismen wachsen auf den Bäumen, was dem ganzen Wald den typischen Regenwald-Look verleiht», sagt der Ökologe Christopher Ellis vom Royal Botanic Garden in Edinburg.

Doch gerade Flechten und Moose haben den temperierten Regenwäldern in Europa auch ein Imageproblem beschert. «Diese beiden Organismengruppen werden in der Wissenschaft oft übersehen. Hier scheint es einen blinden Fleck in der Wahrnehmung der Artenvielfalt zu geben», sagt Ellis.

Wohl auch deshalb ging die Studie an der hiesigen Forstszene komplett vorbei. Von Schweizer Regenwäldern wollte niemand etwas wissen. Der Biologe Christoph Scheidegger war lange Jahre Experte für Flechten bei der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Für ihn kam die Studie als Segen, denn der Begriff «Regenwald» hätte dem Flechtenschutz Auftrieb geben können. «Ich habe den Forstwissenschaftern von der Studie erzählt. Sie stiess aber auf wenig Gegenliebe», erinnert sich Scheidegger. Der Begriff passte nicht ins Forstvokabular und auch nicht zur an den Hochschulen gelehrten Definition.

«Ich würde nicht sagen, dass es in der Schweiz Regenwälder gibt, denn diese haben eine hohe Biomasse und Produktivität», sagt Harald Bugmann, Professor für Waldökologie an der ETH Zürich. Seine Definition orientiert sich an den Wäldern Kanadas und Chiles: «Diese bestehen weitgehend aus Nadelbäumen. Das hängt damit zusammen, dass es eine ausgeprägte Sommertrockenheit von mehreren Monaten gibt. Das würden laubwerfende Bäume nicht überstehen. Zudem sind die Winter relativ mild, das heisst, die Bäume können fast das ganze Jahr hindurch wachsen. All dies trifft auf Schweizer Wälder nicht zu. Darum kann man sie nicht als Regenwälder bezeichnen.»

In der Schweiz werden 150 verschiedene Arten von Wäldern unterschieden, die sogenannten Waldgesellschaften. Der Begriff Regenwald taucht bei keinem einzigen auf. Und doch sind temperierte Regenwälder gerade dabei, als «neues» Ökosystem in Europa Karriere zu machen. «Seit einigen Jahren werden sie von Ökologen, Naturschützern und Behörden zunehmend als europäisches Ökosystem wahrgenommen und geschätzt», sagt Ellis. Sie halten inzwischen sogar Einzug in die Gesetzgebung.

Noch gibt es ein paar Perlen hierzulande

In Grossbritannien trugen die Regenwälder bis vor kurzem noch viele verschiedene Namen wie Atlantischer Haselwald oder Atlantischer Eichenwald. Es handelt sich um Laubwälder, die wegen der feuchten Küstenluft dicht mit Moosen und Flechten bewachsen sind. Sie leiden jedoch stark am Verbiss von Rehen und Nutztieren sowie an der Überwucherung durch invasive Rhododendron-Sträucher.

Dank der Studie von DellaSala werden sie nun mit einem anderen Blick betrachtet. Man könnte auch sagen, sie wurden in den Adelsstand erhoben, denn seit 2023 gibt es in Grossbritannien eine offizielle Regenwaldstrategie. Mit ihr sollen diese wertvollen Ökosysteme unter Schutz gestellt werden, unter anderem mit finanziellen Mitteln für das Erstellen von Zäunen gegen Rehverbiss und die Entfernung von invasiven Pflanzen.

In Norwegen gab es den Begriff Regenwald schon seit 1980, aber er konnte sich nicht durchsetzen. Stattdessen wurde oft von Atlantischem Fichtenwald oder Küstenföhrenwald gesprochen. Diese Banalisierung des Aussergewöhnlichen hatte Folgen. «Seit Jahren werden landesweit viele unserer natürlichen Wälder abgeholzt. Wir können zusehen, wie die Natur verschwindet. Das ist nicht gut, und ich hoffe, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird», sagt Jeanette Tennebekk, Projektleiterin bei der norwegischen Naturschutzorganisation Friends of the Earth.

Unterdessen taucht der Regenwald in wissenschaftlichen Studien zu Norwegens Flechtenvielfalt auf. Bald könnte er auch in Regierungsdokumenten Einlass finden. Denn Norwegen möchte mindestens zehn Prozent seiner Wälder permanent unter Schutz stellen und so vor den Motorsägen bewahren. «Dazu wird noch dieses Jahr eine Karte mit den verschiedenen Waldtypen erstellt inklusive eines Aktionsplans zur Förderung und Erhaltung», sagt Tennebekk. «Wir hoffen, dass Regenwälder auch Teil davon sein werden.»

Die Situation in der Schweiz ist indes etwas durchzogen. Viele Flächen im Regenwaldgürtel sind bereits vor über fünfzig Jahren zu Nutzwald umfunktioniert worden. Dadurch haben sie ihre einstige Grandeur eingebüsst.

Durch die Abholzung alter Bäume sind viele Flechtenarten grossflächig verschwunden. Ebenso hat ihnen die Luftverschmutzung durch den Strassenverkehr zugesetzt. «Ohne Flechten kann man nicht mehr von temperiertem Regenwald sprechen», sagt Ellis. «Es sind Flächen mit Regenwaldpotenzial. Das heisst, die Regenwälder könnten wieder auferstehen, wenn sie entsprechend gefördert werden.»

«Es gibt in der Schweiz aber immer noch viele wertvolle Perlen», sagt Scheidegger. Eines der berühmtesten Beispiele ist der Bödmerenwald auf dem Pragelpass im Kanton Schwyz. Dort stehen mächtige und alte Fichten, von deren Ästen meterlange Bartflechten hängen, so genanntes Engelshaar. «Diese Art ist typisch für den Regenwald», sagt Scheidegger. Zwei weitere schöne Beispiele sind der Leihubelwald und der Seeliwald im Kanton Obwalden.

Eine Schutzstrategie wie in Grossbritannien wäre auch für die Schweiz wünschenswert, sagt Scheidegger. «Viele Waldeigentümer, Forstdienste und Ämter arbeiten daran, naturnahe Wälder wiederherzustellen.» Dazu brauche es mehr Flächen, in denen der Wald geschützt ist, und mehr Bäume, die alt werden dürfen.

Ob die Einführung des Begriffs «Regenwald» in der Schweiz solche Bemühungen unterstützen könnte, ist fraglich. «Letztlich kann man sich darüber streiten, was jetzt ein Regenwald ist und was nicht», sagt Bugmann. «In der Forstszene sind wir uns aber einig, dass die farn-, flechten- und moosreichen Wälder der nördlichen Voralpen speziell und bezüglich dieser Biodiversität schützenswert sind.»

Atlant Bieri, «Neue Zürcher Zeitung» (26.05.2024)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

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