Der Biologe Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven, sieht das etwas anders. «Für jedes dieser Schutzgebiete sind bestimmte Schutzziele definiert», erklärt er. Sie seien gar nicht dafür errichtet worden, um jegliche menschliche Aktivität darin zu verhindern. In der Nordsee gibt es etwa Zonen, die zum Schutz von Schweinswalen dienen. Dort dürfen keine Stellnetze stehen, in denen sich die Meeressäuger verfangen können. Grundschleppnetze sind dagegen zum Teil erlaubt.
So auch im Nationalpark Wattenmeer, der sich von den Niederlanden über Deutschland bis nach Dänemark erstreckt. Ein Verbot von Grundschleppnetzen im Wattenmeer würde laut Kraus übers Ziel hinausschiessen, es würde das Ende der deutschen Krabbenfischerei bedeuten. «Wo der Untergrund sandig ist und durch starke Gezeitenströmungen sowieso ständig Sediment aufgewirbelt wird, ist die bodenführende Fischerei vertretbar», sagt er.
Andernorts gilt es aber laut Kraus unbedingt darauf zu verzichten: «Bei Seegraswiesen oder Kaltwasserkorallenriffen, wie sie auch in Europa vorkommen, sorgen Grundschleppnetze für grosse Schäden.»
Der Biologe plädiert deshalb für eine gezielte Strategie: Statt die Schleppnetze in den bereits bestehenden Gebieten mit teilweisem Schutz pauschal zu verbieten, gelte es, die wirklich vulnerablen Zonen unter strengen Schutz zu stellen und die Natur dort ganz sich selbst zu überlassen. Bis jetzt haben erst wenige Prozent der europäischen Meeresgebiete diesen strengen Schutzstatus, dabei peilt die EU 10 Prozent an. «Hier besteht dringender Handlungsbedarf», sagt Kraus.
Welche Fischprodukte aus Grundschleppnetzen stammen
Doch es liegt nicht nur an der Politik. «Auch die Konsumenten haben es in der Hand», sagt die Meereswissenschafterin Isabel Jimenez von WWF Schweiz. Zumal ein grosser Teil der Fischprodukte in unseren Supermärkten und Restaurants aus Grundschleppnetz-Fischerei stamme. Dazu gehören unter anderem Kabeljau, Seehecht, Seelachs und verschiedene Garnelen. «Wir empfehlen, die Deklarationen zu lesen oder nachzufragen und dann auf solche Produkte zu verzichten», erklärt Jimenez.
Wobei das nicht immer einfach ist. Oft steht als Fangmethode nur die sehr weit gefasste Kategorie «Schleppnetz» auf der Packung. Und selbst Fische mit dem MSC-Label können aus einem Grundschleppnetz stammen. Gutes Management und modifizierte Fanggeräte sind laut Jimenez in der Lage, die Auswirkungen der Grundschleppnetz-Fischerei zu mindern. Aber es sei am besten, Fisch zu wählen, der mit selektiven Methoden wie Handleinen oder Angeln gefangen worden sei.
Wer sich umweltbewusst ernähren will, soll Fische und Meeresfrüchte eher für besondere Anlässe aufsparen und sich für Arten entscheiden, die mit geringeren ökologischen Folgen produziert werden können, etwa Karpfen, Welse und Muscheln aus Zucht oder Wildfische wie Sardinen und Sardellen.