Bei der Biodiversität ist das Problem anders gelagert. Hier läuft uns die Zeit weg. Ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten lassen sich nicht wiederbeleben, sie sind für immer weg und hinterlassen eine Lücke im Ökosystem, die sich schwer oder gar nicht schliessen lässt. Die grosse Frage, die über allem hängt, ist zurzeit: Wie lassen sich Treibhausgasemissionen reduzieren? Lassen Sie uns diese Frage neu formulieren: Wie wollen wir in Zukunft leben und was müssen wir jetzt dafür tun? Wirtschaft und Gesellschaft stehen vor einem gigantischen Transformationsprozess, der gemanagt werden muss.
Was kann die Schweiz aktuell konkret tun?
Die Schweiz verlässt sich auf zwei Ansatzpunkte: erstens die Eigenverantwortung der Verbraucher, die nachhaltige Produkte kaufen oder auf E-Mobilität umsteigen können. Zweitens die Kapitalmärkte, die für die Klimawende notwendige Innovationen finanzieren. Beide Faktoren allein werden aber nicht ausreichen. Der Klimaschutz braucht auch klare Regulierungen und Anreize – beispielsweise Subventionen für die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten, ein nationales Infrastrukturprogramm, das auch den Netzausbau einbezieht, ein Verbot neuer fossiler Heizungen oder eine nationale Wasserstoffstrategie.
In welchem Sektor ist das Potenzial zur Dekarbonisierung am grössten?
Verkehr, Gebäude, Industrie und Landwirtschaft sind verantwortlich für mehr als 90 Prozent aller Emissionen in der Schweiz. Diese Sektoren können einen grossen Teil beisteuern. BCG hat für jede dieser Branchen Hebel definiert, mit denen sie Inlandsemissionen bis 2030 um 50 Prozent reduzieren können. Das bedeutet beispielsweise, Verkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern oder grüne Kraftstoffe und die E-Mobilität zu fördern. In der Schweiz ist der Gebäudesektor für fast ein Viertel aller CO2e-Emissionen verantwortlich. Haupttreiber hier sind sowohl im gewerblichen wie im privaten Bereich Öl und Gas, die zum Heizen und für die Warmwassererzeugung genutzt werden. Mit energetischen Sanierungen von Immobilien und dem Einbau von nachhaltigen Heizsystemen könnte die Schweiz bis 2030 ihre Emissionen im Immobilienbereich gegenüber heute um über 60 Prozent reduzieren. Manchmal sind es auch recht einfache Massnahmen. So lässt sich in der Landwirtschaft der CO2-Ausstoss mit alternativen Futtermischungen sehr wirksam verringern. Klar ist aber auch: Nachhaltigkeit gibt es nicht umsonst. Dabei sind Investitionen notwendig. Der weitgehend grösste Aufwand liegt in der Skalierung der Lösungen.
Welche Rolle spielen dabei die Unternehmen?
Viele multinationale Unternehmen gehen im Klimaschutz voran, um wettbewerbsfähig zu bleiben, internationale Klimagesetze zu erfüllen oder Strafsteuern zu vermeiden – wie den CO2-Grenzausgleich der EU. Als Zulieferer sind sie oft vollständig in globale Lieferketten integriert. Mehr als die Hälfte der Firmen, die im Swiss Market Index gelistet sind, haben sich freiwillig der Science Based Targets Initiative (SBTi) angeschlossen. Die SBTi-Mitglieder verpflichten sich, konkrete Ziele für den Ausstoss von Treibhausgasen zu formulieren und Treibhausgase auf Basis von wissenschaftlich anerkannten Methoden zu reduzieren. Es ist beispielsweise nicht möglich, Emissionen zu kompensieren. Die SBTi kontrolliert das. Aber Klimaschutz ist nicht nur ein umweltfreundliches Ziel, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Die Unternehmen vermeiden CO2-Abgaben wie beispielsweise die Kohlenstoffsteuer der EU, zudem sind nachhaltige Prozesse effizienter und damit unterm Strich oft kostengünstiger. Kleinen und mittleren Unternehmen fehlen allerdings oft finanzielle Polster und die Expertise, um die Dekarbonisierung aus eigener Kraft voranzutreiben. Für sie sind klare Leitlinien von Regulierungsbehörden und Branchenverbänden sowie finanzielle Anreize unverzichtbar.
Lieferketten sind oft hochkomplex. Wie können Unternehmen hier für Nachhaltigkeit sorgen?
Die sogenannten Scope-3-Emissionen, also die durch die Lieferketten verursachten Schadstoffe machen in den meisten Sektoren den Grossteil der gesamten Emissionen aus. Hier brauchen wir natürlich Transparenz, aber das ist bereits heute lösbar. BCG hat schon 2020 eine KI-gestützte Softwarelösung für das Nachhaltigkeitsmanagement entwickelt, die in der Lage ist, für jedes Produkt einen individualisierten CO2e-Fussabdruck zu erstellen. Dabei werden alle Wertschöpfungsschritte berücksichtigt: von der Rohstoffgewinnung über die Produktion und Lagerung bis zur Auslieferung. Das deutsche Metallunternehmen Klöckner & Co nutzt eine solche Lösung und kann damit für 97 Prozent der rund 200 000 angebotenen Produkte einen lückenlosen CO2e-Fussabdruck liefern.
Sie sprachen von einem gigantischen Change-Prozess. Wie kann er gelingen?
Das grösste Problem bei allen Transformationsprozessen ist die Skalierung. Die meisten Unternehmen haben das Kernproblem durchdrungen, vielleicht auch schon Lösungen entwickelt. Sie nutzen moderne digitale Technologien wie KI, um Prozesse schlanker und nachhaltiger zu machen. Das ist in vielen Bereichen business as usual. Weitaus anspruchsvoller ist es, aus Innovationen nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dazu braucht es Mut und Pragmatismus, die Entschlossenheit, auch unbekannte Wege zu gehen, und Durchhaltevermögen – eben Unternehmertum.