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Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland
Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland

Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland. Bild: Thomas Meier/PD

Klima & Energie

«Dekarbonisierung lässt sich nicht digitalisieren»

Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland, referiert morgen, am 23. April, am Zukunftsfrühstück vom NZZ Sustainable Switzerland über Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Im Interview nimmt sie einige Themen vorneweg.

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«Dekarbonisierung lässt sich nicht digitalisieren»

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Frau Barmettler, wie hängt für Sie Digitalisierung mit Nachhaltigkeit zusammen?

In erster Linie sehe ich Digitalisierung als Unterstützung für Nachhaltigkeit. Sie eröffnet in vielen Bereichen ein erhebliches Potenzial, CO₂ zu sparen, wenn wir digitale Technologien gezielt einsetzen. Wir haben dazu, gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Accenture und dem Wirtschaftsverband economiesuisse, die Studie «Smart and Green» in Auftrag gegeben. Diese zeigt, dass Digitalisierung bis 2030 bis zu rund 20 Prozent der CO₂‑Lücke schliessen kann – vorausgesetzt, die digitale Transformation kommt genügend schnell voran. Gleichzeitig ist klar: Die Digitalisierung ersetzt die Dekarbonisierung nicht. Wir müssen trotzdem auf erneuerbare Energien, Elektromobilität und eine klimaverträgliche Infrastruktur umstellen.

Wo sehen Sie heute konkret, wie Digitalisierung und KI Nachhaltigkeit fördern?

Die Potenziale liegen insbesondere in den Bereichen Mobilität, Gebäude, Energie, Landwirtschaft und Industrie. Im Gebäudebereich ermöglichen intelligente Steuerungen und Smart‑Home‑Lösungen, dass Strom nur dort eingesetzt wird, wo er tatsächlich gebraucht wird, etwa indem Beleuchtung, Heizung oder Kühlung auf Belegung und Bedarf reagieren. In der Mobilität lassen sich mit Daten und digitalen Tools Routen optimieren, Staus und Baustellen besser umgehen und der Verkehr effizienter organisieren. In der Landwirtschaft helfen digitale Lösungen, Felder gezielt zu überwachen und Ressourcen wie Wasser oder Dünger präziser und schonender einzusetzen. Und in der Industrie schaffen Automatisierung und Robotik grosses Potenzial. Und schliesslich kann man im Energiesystem mit digitalen Technologien die Stromnetze als Smart Grids deutlich besser steuern und koordinieren.

Franziska Barmettler (1982) ist CEO von digitalswitzerland und Ökonomin mit langjähriger Erfahrung an der Schnittstelle von Wirtschaft, Nachhaltigkeit und Politik. Sie hat den Wirtschaftsverband swisscleantech mitaufgebaut, war Leiterin Nachhaltigkeit von IKEA Schweiz und politisch von 2019 bis Ende 2024 als Kantonsrätin der GLP im Kanton Zürich engagiert.

KI wird oft als zweischneidiges Schwert gesehen: grosses Potenzial, aber auch hoher Ressourcenbedarf. Wo überwiegt für Sie der Nutzen, wo die Risiken?

Entscheidend ist, dass wir die Effizienz der Rechenzentren weiter erhöhen, die entstehende Abwärme konsequent nutzen und sicherstellen, dass der Strom möglichst aus erneuerbaren Quellen stammt und die Schweiz ihren insgesamt steigenden Strombedarf decken kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir die technische Energiefrage lösen können.

Herausfordernder sind die sozialen Fragen: Wie setzen wir KI so ein, dass sie von der Bevölkerung akzeptiert wird, Grundrechte geschützt bleiben, Vertrauen schafft und unsere Demokratie stärkt ?

Sie sprechen die Regulierung an. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Die Technologie entwickelt sich rasant, während die Politik naturgemäss langsamer reagiert – dieses Spannungsfeld ist nicht neu. Gleichzeitig besteht das Risiko, zu früh oder in die falsche Richtung zu regulieren. In Europa gibt es Beispiele, wo gut gemeinte Regulierung Innovation unnötig gebremst hat und man heute versuchen muss, das wieder zu korrigieren. Die Schweiz arbeitet aktuell an einem eigenen Ansatz für die KI‑Regulierung. Bis Ende Jahr soll eine Vorlage vorliegen, die Innovation ermöglicht und gleichzeitig zentrale Werte wie Privatsphäre, Demokratie und Grundrechtsschutz ernst nimmt. Das ist nicht einfach, aber eine grosse Chance, sich als verlässlicher und zugleich innovationsfreundlicher Standort zu positionieren.

Gibt es konkrete Projekte, in denen die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Forschung rund um KI und Nachhaltigkeit besonders gut funktioniert?

Ein spannendes Beispiel ist der ALPS Supercomputer in Lugano. Damit möchte man öffentlich zugängliche KI-Systeme für die wissenschaftliche Forschung entwickeln, insbesondere in den Bereichen Klima und Medizin. Oder Apertus, das erste offene und mehrsprachige Sprachmodell aus der Schweiz. Dieses setzt etwa auf Transparenz - es wird offengelegt, mit welchen Daten das Modell trainiert wurde. DiesesModell ist in seiner Form weltweit einzigartig und zeigt, wie man technische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden kann.

Welche Frage zu KI und Nachhaltigkeit kommt aus Ihrer Sicht bisher zu kurz?

In der Schweiz wurde lange zu wenig über den Energiebedarf von Digitalisierung und KI gesprochen. Umgekehrt kommt in der allgemeinen Nachhaltigkeitsdebatte der Aspekt Digitalisierung oft fast nicht vor. Dabei sind beide untrennbar miteinander verbunden. Ich sehe zudem eine auffällige Parallele: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind zwei riesige Transformationsthemen, mit denen sich alle Unternehmen und Branchen auseinandersetzen müssen. In beiden Fällen ist Leadership und Governance schwierig zu verorten, angefangen beim Bund. Und bei beiden Fällen gilt: Wir sollten zuerst die Chancen sehen, und nicht die Probleme!

Wo steht die Schweiz betreffend der Digitalisierung im internationalen Vergleich?

Im Digital Competitiveness Report der Wirtschaftshochschule IMD in Lausanne liegt die Schweiz regelmässig an der Spitze, insbesondere dank einer starken Forschung, einer verlässlichen und pragmatischen Regulierung und einer insgesamt hohen Innovationsfähigkeit. Das ist eine sehr gute Ausgangslage. Gleichzeitig gilt aber: Bei der digitalen Verwaltung, der digitalen Infrastruktur und bei der breiten Verankerung von KI‑Kompetenzen in der Bevölkerung haben wir klar Aufholbedarf. Wir stehen also auf hohem Niveau, müssen jetzt aber gezielt investieren, um diese Position zu halten und weiterzuentwickeln.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

12 - Verantwortungvoller Konsum und Produktion

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