KI wird oft als zweischneidiges Schwert gesehen: grosses Potenzial, aber auch hoher Ressourcenbedarf. Wo überwiegt für Sie der Nutzen, wo die Risiken?
Entscheidend ist, dass wir die Effizienz der Rechenzentren weiter erhöhen, die entstehende Abwärme konsequent nutzen und sicherstellen, dass der Strom möglichst aus erneuerbaren Quellen stammt und die Schweiz ihren insgesamt steigenden Strombedarf decken kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir die technische Energiefrage lösen können.
Herausfordernder sind die sozialen Fragen: Wie setzen wir KI so ein, dass sie von der Bevölkerung akzeptiert wird, Grundrechte geschützt bleiben, Vertrauen schafft und unsere Demokratie stärkt ?
Sie sprechen die Regulierung an. Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Die Technologie entwickelt sich rasant, während die Politik naturgemäss langsamer reagiert – dieses Spannungsfeld ist nicht neu. Gleichzeitig besteht das Risiko, zu früh oder in die falsche Richtung zu regulieren. In Europa gibt es Beispiele, wo gut gemeinte Regulierung Innovation unnötig gebremst hat und man heute versuchen muss, das wieder zu korrigieren. Die Schweiz arbeitet aktuell an einem eigenen Ansatz für die KI‑Regulierung. Bis Ende Jahr soll eine Vorlage vorliegen, die Innovation ermöglicht und gleichzeitig zentrale Werte wie Privatsphäre, Demokratie und Grundrechtsschutz ernst nimmt. Das ist nicht einfach, aber eine grosse Chance, sich als verlässlicher und zugleich innovationsfreundlicher Standort zu positionieren.
Gibt es konkrete Projekte, in denen die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Forschung rund um KI und Nachhaltigkeit besonders gut funktioniert?
Ein spannendes Beispiel ist der ALPS Supercomputer in Lugano. Damit möchte man öffentlich zugängliche KI-Systeme für die wissenschaftliche Forschung entwickeln, insbesondere in den Bereichen Klima und Medizin. Oder Apertus, das erste offene und mehrsprachige Sprachmodell aus der Schweiz. Dieses setzt etwa auf Transparenz - es wird offengelegt, mit welchen Daten das Modell trainiert wurde. DiesesModell ist in seiner Form weltweit einzigartig und zeigt, wie man technische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden kann.
Welche Frage zu KI und Nachhaltigkeit kommt aus Ihrer Sicht bisher zu kurz?
In der Schweiz wurde lange zu wenig über den Energiebedarf von Digitalisierung und KI gesprochen. Umgekehrt kommt in der allgemeinen Nachhaltigkeitsdebatte der Aspekt Digitalisierung oft fast nicht vor. Dabei sind beide untrennbar miteinander verbunden. Ich sehe zudem eine auffällige Parallele: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind zwei riesige Transformationsthemen, mit denen sich alle Unternehmen und Branchen auseinandersetzen müssen. In beiden Fällen ist Leadership und Governance schwierig zu verorten, angefangen beim Bund. Und bei beiden Fällen gilt: Wir sollten zuerst die Chancen sehen, und nicht die Probleme!
Wo steht die Schweiz betreffend der Digitalisierung im internationalen Vergleich?
Im Digital Competitiveness Report der Wirtschaftshochschule IMD in Lausanne liegt die Schweiz regelmässig an der Spitze, insbesondere dank einer starken Forschung, einer verlässlichen und pragmatischen Regulierung und einer insgesamt hohen Innovationsfähigkeit. Das ist eine sehr gute Ausgangslage. Gleichzeitig gilt aber: Bei der digitalen Verwaltung, der digitalen Infrastruktur und bei der breiten Verankerung von KI‑Kompetenzen in der Bevölkerung haben wir klar Aufholbedarf. Wir stehen also auf hohem Niveau, müssen jetzt aber gezielt investieren, um diese Position zu halten und weiterzuentwickeln.