Deshalb unterstütze er auch jene Stimmen, die eine offene Diskussion über Zukunft und Tragfähigkeit des Emissionshandels forderten. «Wenn er nicht das richtige Instrument ist, sollten wir bereit sein, ihn zu überarbeiten oder zumindest zu verschieben», sagte Merz. Ein Beispiel gebe es bereits: EU-Regierungen hatten im vergangenen Jahr beschlossen, die Einführung eines CO₂-Preises auf Kraft- und Heizstoffe auf 2028 zu verschieben.
Unterstützung erhält der deutsche Kanzler vor allem aus Italien. Rom hat in den vergangenen Wochen mehrfach dafür geworben, den Emissionshandel auszusetzen und grundlegende Reformen zu prüfen.
Emissionen fallen in der EU
Unbestritten ist allerdings, dass der europäische Emissionshandel seit seiner Einführung im Jahr 2005 die Emissionen im Strom- und Industriesektor deutlich reduziert hat. Der Anteil erneuerbarer Energien steigt, während Kohlekraft zunehmend aus dem System gedrängt wird. Auch die EU-Staaten profitieren: Der Handel mit Emissionszertifikaten spült Milliarden in ihre Haushalte.
Der deutsche Europaabgeordnete Peter Liese warnt deshalb davor, das System grundsätzlich infrage zu stellen. Eine Schwächung des Emissionshandels würde vor allem jene Unternehmen bestrafen, die bereits in klimafreundliche Technologien investiert haben, sagt er. Planungssicherheit sei entscheidend – gerade in einer wirtschaftlich und geopolitisch angespannten Lage.
«Leistung muss sich lohnen – dieses alte CDU-Motto muss auch beim Klimaschutz gelten», sagt Liese.
Die EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen steht nun vor der Aufgabe, die unterschiedlichen Interessen von Industrie und Mitgliedstaaten auszubalancieren. Für viele Ökonomen ist die Sache allerdings klar: Der Emissionshandel gilt als eines der effizientesten Instrumente, um Emissionen zu senken und gleichzeitig wirtschaftliche Kosten zu begrenzen.
«Das ETS reduziert Emissionen effizient und mit begrenzten wirtschaftlichen Beeinträchtigungen», schrieb die Brüsseler Denkfabrik Bruegel kürzlich.
Die kommenden Monate dürften entscheiden, welche Seite sich in der politischen Auseinandersetzung durchsetzt – und welche Rolle der Emissionshandel künftig in der europäischen Klima- und Industriepolitik spielt.