Eine unglückliche Verkettung von Umständen
Klimaforscher sehen verschiedene Ursachen für die Kleine Eiszeit. Eine Rolle spielte vermutlich das nach dem englischen Astronomen Edward Maunder benannte Maunder-Minimum. Der Fachbegriff bezeichnet eine stark verringerte Aktivität der Sonne in den Jahren zwischen 1645 und 1715. Einen Beitrag könnten aber auch ein länger andauerndes Schwächeln der Meeresströmungen im Atlantik oder vermehrte Vulkanaktivitäten geleistet haben.
Für einzelne besonders kalte Winter sind aber meist natürliche Schwankungen des Wetters verantwortlich. Und die hängen in Mitteleuropa stark von der Nordatlantischen Oszillation ab, also der Schwankung der Luftdruckverhältnisse über dem Nordatlantik zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden. In Jahren mit geringem Druckunterschied zwischen diesen beiden Gebieten schwächen sich die vorherrschenden Westwinde ab und lassen Kaltluft aus dem Osten nach Mitteleuropa strömen. Was auch immer die Auslöser des kälteren Wetters waren – im Winter 1709 müssen sie sich auf dramatische Weise addiert haben.
Von all den möglichen Stellrädern des Wetters wussten die Menschen des frühen 18. Jahrhunderts noch sehr wenig. Viele sahen ganz andere Mächte am Werk. Wie bei früheren Heimsuchungen wurde von den Kanzeln der Zorn Gottes gegenüber der Sündhaftigkeit der Menschen als Ursache der Katastrophe beschworen.
Das Wetter wurde zu einem Objekt der Naturwissenschaft
Doch diese Erklärung reichte vielen Menschen nicht mehr. Der Winter von 1709 fiel in das beginnende Zeitalter der Aufklärung, in dem man begann, systematisch Theorien aufzustellen und anhand empirischer Befunde zu prüfen. Zahlreiche gebildete Menschen begannen, sich als Naturforscher zu betätigen. Sie dokumentierten das Wettergeschehen und korrespondierten über Grenzen hinweg mit Gleichgesinnten. Ihr Ziel: Wetterphänomene besser zu verstehen – und sie eines Tages vielleicht sogar vorhersagen zu können.
In Upminster, unweit Londons, führte der Geistliche und Naturforscher William Derham seit 1697 Wetterbeobachtungen durch und brachte seine Messungen zu Papier. Noch 1709 erschien seine «History of the Great Frost» als Buch. In Paris nahm der Botaniker Louis Morin dreimal täglich Messungen der Luftfeuchtigkeit und der Temperatur vor – auch während «Le Grand Hiver».
Den in Bologna wirkenden Anatomen Giovanni Battista Morgagni regte der Grosse Frost zu seinen Überlegungen zu einem langsameren Blutfluss im menschlichen Körper unter extremer Kälte an; er veröffentlichte eine der ersten medizinischen Beschreibungen der Hypothermie, der Unterkühlung des menschlichen Körpers. Der amerikanische Klimahistoriker Jin-Woo Choi sieht im Extremwinter von 1709 deshalb einen Glücksfall für die Wissenschaft.
Doch so optimistisch wie Choi kann man den Horrorwinter von 1709 wohl nur mit ein paar Jahrhunderten Abstand sehen. Für die frierenden Menschen des frühen 18. Jahrhunderts war er aber auch jenseits der Wissenschaft ein Augenöffner: Die grosse Kälte hatte Europa an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. In der Folge nahmen Bevölkerungen ihre Regierenden verstärkt in die Verantwortung, Vorkehrungen gegen solche Extremereignisse zu treffen, etwa durch das Anlegen von Lebensmittelvorräten. Auch das gehört zum Erbe des Winters von 1709.