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In der Kunst führte die lange Periode kühlen Klimas während der Kleinen Eiszeit zu einem Boom der Wintermalerei, hier «Die Jäger im Schnee» von Pieter Bruegel dem Älteren (1565).
In der Kunst führte die lange Periode kühlen Klimas während der Kleinen Eiszeit zu einem Boom der Wintermalerei, hier «Die Jäger im Schnee» von Pieter Bruegel dem Älteren (1565).

In der Kunst führte die lange Periode kühlen Klimas während der Kleinen Eiszeit zu einem Boom der Wintermalerei, hier «Die Jäger im Schnee» von Pieter Bruegel dem Älteren (1565). Corbis / Getty

Klima & Energie

Der Winter 1709 war der kälteste seit Menschengedenken – und eine Initialzündung für die Wissenschaft

Der Extremwinter des Jahres 1709 hielt Europa über Wochen fest im Griff und forderte unzählige Opfer. Doch die grosse Kälte gab auch den Anstoss für die moderne Klimatologie: Wind und Wetter wurden zu mess- und interpretierbaren Naturphänomenen.

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Der Winter 1709 war der kälteste seit Menschengedenken – und eine Initialzündung für die Wissenschaft

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In der Nacht des 5. Januar 1709 senkte sich eine nie da gewesene Kälte über Europa. Schon in den Wochen zuvor hatten die Menschen zwischen Skandinavien und Portugal mit ungewöhnlich tiefen Temperaturen gekämpft. Doch ab dieser Nacht zeigten die noch kruden Thermometer nie zuvor gemessene Tiefstwerte. Der gesamte Kontinent war wie eingefroren, nur wenige Tage nach Mitteleuropa fielen auch Rom und Lissabon in Schockstarre.

Der Grosse Frost, wie er später genannt wurde, war keine kurze Eskapade der Natur; er hielt den Kontinent über Wochen fest im Griff. In Berlin beobachteten der Berliner Astronom Gottfried Kirch und seine Frau Maria Margaretha das Geschehen mit ihren «Wettergläsern», einfachen, mit Weinbrand gefüllten Thermometern. Da es allgemein anerkannte Temperaturskalen, wie die des deutschen Physikers Daniel Gabriel Fahrenheit oder jene seines schwedischen Kollegen Anders Celsius, noch nicht gab, arbeiteten die Kirchs mit ihrer eigenen, 60 Grad umfassenden Skala. Auf ihr gefror Wasser bei 20 Grad, 40 Grad standen für einen warmen Sommertag.

Am 10. Januar notierten die Kirchs in ihren Tagebüchern Temperaturen, die vermutlich Celsius-Werten von minus 30 Grad entsprachen; die Höchsttemperatur an jenem Tag lag gemäss späteren Rekonstruktionen bei minus 19 Grad.

Binnen kurzem waren auch grosse Gewässer zugefroren, der Rhein ebenso wie Seine und Themse. Immerhin: In London konnte wieder einmal ein Thames Frost Fair stattfinden, einer der beliebten Frostjahrmärkte auf dem zugefrorenen Fluss.

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The Frost Fair: 1814 fand in London zum letzten Mal ein Jahrmarkt auf der zugefrorenen Themse statt. (Luke Clenell).

Selbst der Sonnenkönig musste bibbern

Es blieb wahrscheinlich das einzige Vergnügliche inmitten einer Wetterkatastrophe, die unzähligen Menschen den Tod brachte. Reisende erfroren auf den Landstrassen, auf der Suche nach Nahrung streiften Wölfe durch die Dörfer. Vor allem auf dem Land starben ganze Familien im Schlaf. Ihre Häuser waren meist kaum isoliert und schlecht beheizbar. Und ärmere Bevölkerungsschichten konnten sich Heizmaterial ohnehin kaum leisten. Doch selbst an der Tafel des Sonnenkönigs Ludwig XIV. gefror laut Zeitzeugen das Wasser in den Trinkkrügen.

Der Winter von 1709 brachte Lebensmittelknappheit und Hungersnöte, soziale Unruhen und Epidemien mit sich. In Frankreich allein schätzen Historiker die Zahl derjenigen, die direkt oder indirekt durch den strengen Winter und seine Folgen zu Tode kamen, auf mehr als eine halbe Million. Selbst die Wohlhabenden konnten sich mit ihren Vorräten an Lebensmitteln und Getränken nicht in Sicherheit wiegen. Gemüse und Fleisch wurden durch das Einfrieren unbrauchbar. Auch alkoholische Getränke wurden zu Eis, Weinfässer barsten.

Der kalte Winter von 1709 in Europa war ein extremes Ereignis innerhalb einer Phase der europäischen Klimageschichte, die heute als Kleine Eiszeit bekannt ist. Sie währte etwa vom 15. Jahrhundert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts – bezeichnenderweise fand der bis heute letzte Thames Frost Fair im Jahr 1814 statt.

Quelle: Rob Wilson et al. / Science Direct NZZ / brt.

Die Kleine Eiszeit dauerte 400 Jahre

  • Basierend auf einer Rekonstruktion der Sommertemperaturen (Mai bis August) auf der Nordhalbkugel von 750 bis 2011.

In der Kunst führte die lange Periode kühlen Klimas mit oft sehr harschen Wintern zu einem Boom der Wintermalerei. Vor allem in den Werken niederländischer Maler wie Hendrick Avercamp und Pieter Bruegel dem Älteren werden die frostigen Lebensumstände dieser Epoche deutlich. Zur Ikone des Jahrtausendwinters wurde indes das Gemälde «Le Lagon gelé en 1709» von Gabriele Bella: Es zeigt die zugefrorene Lagune Venedigs mitsamt darauf herumschlitterndem Volk.

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Schlittschuhfahren auf der vereisten Lagune Venedigs: «Le Lagon gelé en 1709». (Gabriele Bella)

Eine unglückliche Verkettung von Umständen

Klimaforscher sehen verschiedene Ursachen für die Kleine Eiszeit. Eine Rolle spielte vermutlich das nach dem englischen Astronomen Edward Maunder benannte Maunder-Minimum. Der Fachbegriff bezeichnet eine stark verringerte Aktivität der Sonne in den Jahren zwischen 1645 und 1715. Einen Beitrag könnten aber auch ein länger andauerndes Schwächeln der Meeresströmungen im Atlantik oder vermehrte Vulkanaktivitäten geleistet haben.

Für einzelne besonders kalte Winter sind aber meist natürliche Schwankungen des Wetters verantwortlich. Und die hängen in Mitteleuropa stark von der Nordatlantischen Oszillation ab, also der Schwankung der Luftdruckverhältnisse über dem Nordatlantik zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden. In Jahren mit geringem Druckunterschied zwischen diesen beiden Gebieten schwächen sich die vorherrschenden Westwinde ab und lassen Kaltluft aus dem Osten nach Mitteleuropa strömen. Was auch immer die Auslöser des kälteren Wetters waren – im Winter 1709 müssen sie sich auf dramatische Weise addiert haben.

Von all den möglichen Stellrädern des Wetters wussten die Menschen des frühen 18. Jahrhunderts noch sehr wenig. Viele sahen ganz andere Mächte am Werk. Wie bei früheren Heimsuchungen wurde von den Kanzeln der Zorn Gottes gegenüber der Sündhaftigkeit der Menschen als Ursache der Katastrophe beschworen.

Das Wetter wurde zu einem Objekt der Naturwissenschaft

Doch diese Erklärung reichte vielen Menschen nicht mehr. Der Winter von 1709 fiel in das beginnende Zeitalter der Aufklärung, in dem man begann, systematisch Theorien aufzustellen und anhand empirischer Befunde zu prüfen. Zahlreiche gebildete Menschen begannen, sich als Naturforscher zu betätigen. Sie dokumentierten das Wettergeschehen und korrespondierten über Grenzen hinweg mit Gleichgesinnten. Ihr Ziel: Wetterphänomene besser zu verstehen – und sie eines Tages vielleicht sogar vorhersagen zu können.

In Upminster, unweit Londons, führte der Geistliche und Naturforscher William Derham seit 1697 Wetterbeobachtungen durch und brachte seine Messungen zu Papier. Noch 1709 erschien seine «History of the Great Frost» als Buch. In Paris nahm der Botaniker Louis Morin dreimal täglich Messungen der Luftfeuchtigkeit und der Temperatur vor – auch während «Le Grand Hiver».

Den in Bologna wirkenden Anatomen Giovanni Battista Morgagni regte der Grosse Frost zu seinen Überlegungen zu einem langsameren Blutfluss im menschlichen Körper unter extremer Kälte an; er veröffentlichte eine der ersten medizinischen Beschreibungen der Hypothermie, der Unterkühlung des menschlichen Körpers. Der amerikanische Klimahistoriker Jin-Woo Choi sieht im Extremwinter von 1709 deshalb einen Glücksfall für die Wissenschaft.

Doch so optimistisch wie Choi kann man den Horrorwinter von 1709 wohl nur mit ein paar Jahrhunderten Abstand sehen. Für die frierenden Menschen des frühen 18. Jahrhunderts war er aber auch jenseits der Wissenschaft ein Augenöffner: Die grosse Kälte hatte Europa an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. In der Folge nahmen Bevölkerungen ihre Regierenden verstärkt in die Verantwortung, Vorkehrungen gegen solche Extremereignisse zu treffen, etwa durch das Anlegen von Lebensmittelvorräten. Auch das gehört zum Erbe des Winters von 1709.

Ronald D. Gerste, «NZZam Sonntag» (06.01.2026)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

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