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Klima & Energie

Die Schweiz will eine Debatte zur künstlichen Steuerung des Klimas – trotz Widerständen und Kontroversen

Bundesbern sagt, es brauche mehr Informationen über die Geoengineering-Technologien, um die Luft zu kühlen - und scheiterte jüngst an politischen Widerstand. Damit ist die hitzige Diskussion zum gezielten Eingriff ins Klima jedoch nicht beerdigt. Im Gegenteil.

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Die Schweiz will eine Debatte zur künstlichen Steuerung des Klimas – trotz Widerständen und Kontroversen

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Seit Jahren erhitzt eine kontroverse Frage die Gemüter. Könnte das Klima mittels technischer Eingriffe künstlich gesteuert und gekühlt werden? Und wie sollte die internationale Staatengemeinschaft damit umgehen? Mit steigenden Temperaturen nehmen die Risiken und Schäden durch den Klimawandel zu – und damit auch der Wille, an Tabus in der Klimadebatte zu rütteln.

Die Schweiz spielt im politischen Drama um die künstliche Steuerung des Klimas eine Schlüsselrolle. Bern wollte bei der jüngsten Versammlung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen eine Resolution auf die Beine stellen, um einen weltweiten Überblick über die sogenannten «Solar-Radiation-Modification-Technologien» zusammenzutragen. Der Begriff deckt mehrere Ansätze ab, sie alle zählen jedoch zum Geoengineering, also zu den Methoden für einen gezielten Eingriff ins Klima.

In der gegenwärtigen Debatte geht es dabei hauptsächlich um die Idee, in den oberen Schichten der Atmosphäre Sulfatpartikel zu versprühen. Zum Beispiel mithilfe von Ballonen oder Flugzeugen. Damit soll ein künstlicher Sonnenschirm geschaffen werden, der zur Abkühlung der Luft führt. In der Natur gibt es eine Vorlage: Vulkanausbrüche.

Der Schweizer Vorschlag in Nairobi enthielt auch die Idee, ein Expertengremium zu schaffen, um sich ein Bild der Risiken und des Potenzials dieser Technologie zu machen. Der Entwurf, der ursprünglich auch von Monaco, Guinea, Georgien und Senegal unterstützt wurde, liegt der NZZ vor.

Anfang März ging die Vollversammlung zu Ende. Die Schweiz scheiterte mit ihrem Vorstoss. Es ist nicht das erste Mal für Bern. Schon 2019 hatte die Schweiz versucht, das heikle Thema offiziell in der Agenda des Uno-Umweltprogramms zu verankern. Und schon damals scheiterte der Versuch am politischen Widerstand vieler Länder.

«Wir sind enttäuscht, dass die Resolution nicht angenommen wurde», sagt Felix Wertli aus Nairobi. Der Umweltbotschafter verhandelt für die Schweiz auf internationaler Ebene über Klima- und Umweltbelange. Er leitete auch die Delegation in Nairobi: «Die Zeit war zu knapp, die Positionen der Staaten zu weit auseinander», sagt er. Die Schweiz entschloss sich, den Antrag zurückzuziehen. Gleichzeitig betont er, dass die vergangenen Monate und Wochen nicht völlig ergebnislos gewesen seien.

Denn angesichts der Extremwetterereignisse und klimabedingten Schäden der vergangenen Jahre kommt die Frage der möglichen Klimasteuerung immer wieder in internationalen Foren auf. «Es ist etwas in Bewegung gekommen», sagt Wertli und doppelt nach: «Es braucht eine globale Konversation zu dem Thema. Staaten und relevante Akteure sollen Zugang zu Information haben, was in diesem Feld geschieht.»Die Schweiz werde das Anliegen weiter verfolgen.

Wehe der Zukunft

Noch sitze die Angst, sich mit dem Thema formell zu beschäftigen, bei vielen Teilnehmern tief, sagen Beobachter in Nairobi. Dahinter steht massgeblich die Sorge, die Technologie könne als mögliche Option im Kampf gegen steigende Temperaturen legitimiert werden. Und das, obwohl die Risiken eines möglichen Einsatzes noch nicht abzuschätzen sind. Gleichzeitig fürchten Kritiker, dass damit auch der Druck für Regierungen und Unternehmen sinken könnte, Emissionen zu reduzieren.

Dieses Bild wird auch in verschiedenen Positionspapieren und Kommentaren von NGO, weiteren Interessenvertretern und Ländern zum Schweizer Vorschlag deutlich. Die NZZ konnte eine Reihe dieser Dokumente einsehen. Aktivisten, allen voran das Center for International Environmental Law (CIEL), unterstreichen dabei die Risiken. Sie setzen darauf, das Anliegen ganz zu blockieren.

«Diese Technologien sind nicht in der Lage, die Ursachen der Klimakrise zu bekämpfen, und würden es den grossen Verschmutzern stattdessen ermöglichen, den dringend notwendigen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen zu verzögern», so Mary Church von CIEL.

Anmerkungen verschiedener Regierungen zum Schweizer Entwurf zeigen derweil ein nuanciertes Bild der unterschiedlichen Positionen. Ein wichtiges Thema sind Sicherheitsvorkehrungen für die künftige Auseinandersetzung mit der Technologie. «Alle sind sehr vorsichtig, und das auch zu Recht», sagt Wertli über die gescheiterten Verhandlungen. «Es ist eine neue Technologie. Man muss alles neu denken, auch Formulierungen.»

Laut Wertli wurden folgende Themen kontrovers diskutiert: Soll man erwähnen, dass ein technischer Eingriff potenziell Vorteile mit sich bringen könnte, oder hebt man vor allem die Risiken hervor? Stellt man die Risiken, die einerseits mit der Klimasteuerung und andererseits mit einem eskalierenden Klimawandel einhergehen, einander gegenüber? Wie verankert man das politische Vorsorgeprinzip – also, den Ansatz, Risiken zu vermeiden und einen wissenschaftlichen Konsens zu schaffen, bevor man die Technologie überhaupt weiter vorantreibt?

Das sei besonders für die EU ein grosses Anliegen, sagt ein beteiligter Diplomat. EU-Vertreter hätten in Nairobi vor allem versucht, die Wissenschaft voranzubringen, bevor es an die Praxis gehe. «Die Technologie wird noch nicht angewendet», sagt auch Wertli. «Das ist kompliziert.» Genau aus diesem Grund sei es auch das Schweizer Anliegen, sich ein Bild von der Gesamtlage zu machen.

Ab wann und ob offizielle Beschlüsse die Türe zur Anwendung der Technologie öffnen – darüber wird nun weiter gestritten. Was stimmt: Die Diskussion über künstliche Eingriffe ins Klima hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Heute stellt sich nicht mehr die Frage, ob man überhaupt darüber sprechen kann, sondern wie und mit welchem Ziel.

Das bestätigt auch ein Verhandler aus einem Schwellenland, der in Nairobi vor Ort war. Die Technologie müsse ab einem gewissen Zeitpunkt reguliert werden, so viel stehe fest. Noch aber würden Vorschläge wie derjenige der Schweiz die Risiken und mögliche Auswirkungen auf verschiedene Regionen nicht genügend reflektieren. Das gelte vor allem für Entwicklungsländer und betroffene Bewohner.

Die Debatten der letzten Wochen hätten diese Sorgen jedoch stärker in den Vordergrund gebracht, so der Teilnehmer. «Wir sind nicht gegen die Technologie, aber wenn sie nur für einige wenige Vorteile bringt, ist sie definitiv keine Option.»

Mit dem Klima spielen

Derweil wächst das Interesse unter privaten Tech-Unternehmern. Auch die EU und die USA beschäftigen sich zunehmend mit der künstlichen Steuerung des Klimas. Die EU fördert ein Forschungsprogramm mit mehr als zwei Millionen Euro.

In einem Bericht von August heisst es noch, man sehe Solar Radiation Modification nicht als Lösung an. Der Grund: Es löse das Kernproblem steigender Treibhausgasemissionen nicht. Aber: Die EU müsse ihre Position sorgfältig bewerten und dabei alle Risiken und potenziellen Vorteile berücksichtigen. Man müsse sich in internationalen Diskussionen einbringen können.

Die wissenschaftlichen Berater der Europäischen Kommission schreiben ferner, dass die Technologie «relativ kosteneffizient» sein könnte. Mehrere Länder könnten Kapazitäten für ihren Einsatz entwickeln – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen. Dazu gehörten «unbeabsichtigte Klimaveränderungen, Erwärmung wie auch übermässige Abkühlung, regionale Niederschlagsveränderungen, eine Schädigung der Ozonschicht und Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden».

Kurz zuvor hatte die amerikanische Regierung einen Bericht veröffentlicht. Forschungsprojekte sollten sich nicht nur mit den wissenschaftlichen, sondern auch mit den gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Technologie auseinandersetzen, hiess es auch dort. Gleichzeitig finde die Forschung weltweit erst noch «ad hoc» statt. Das führe nicht nur zu Wissenslücken, sondern auch zu Unsicherheiten.

Das hat sich auch schon im vergangenen Jahr gezeigt. Unternehmer sind schon jetzt bereit, zu experimentieren – trotz politischen Kontroversen und Sicherheitsbedenken. So hatte ein kleines amerikanisches Startup letztes Jahr behauptet, Ballone mit reflektierenden Schwefelpartikeln in der Stratosphäre freigesetzt zu haben. Erst über Mexiko und dann in Nevada. Mexiko reagierte empört und forderte ein Verbot der Eingriffe. Der beteiligte Diplomat in Nairobi erzählt, dass sich Tech-Unternehmen aus Kalifornien schon jetzt hinter den Kulissen aktiv für die Technologie einsetzten.

Die Lobbyarbeit von Unterstützern und Kritikern wird in den kommenden Monaten wohl weiter zunehmen, davon gehen alle Beteiligten aus. Das erhöht auch den Druck, sich mit den Anwendungsmöglichkeiten und Risiken auseinanderzusetzen. «Wir können nicht einfach auf dem Thema rumsitzen und darüber sprechen, wenn die Leute mit Investitionen anfangen», sagt auch der kritische Verhandler im Gespräch.

Für Janos Pasztor ist der Kollaps der Resolution «eine verpasste Gelegenheit, die sich in den kommenden Jahren negativ auswirken wird». Der ehemalige hochrangige Uno-Diplomat hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen einer Initiative der Denkfabrik Carnegie intensiv mit den politischen Dimensionen von Geoengineering-Technologien beschäftigt.

Aktivitäten fänden heute schon «ohne die entsprechende regulatorische Aufsicht und oft ohne Transparenz» statt, so Pasztor warnend. Unparteiische Informationen aus einer vertrauenswürdigen Quelle seien aus diesem Grund sehr wichtig.

Sein Frust ist nicht neu. Er beklagt die polarisierende Debatte zu Solar Radiation Modification seit Jahren. Nicht weil er für die Technologie eintritt. Im Gegenteil: Nach Jahrzehnten, in denen er im Rahmen der Uno an Klimafragen gearbeitet hat, fordert er mehr vorausschauenden Pragmatismus: «Den Kopf in den Sand zu stecken und davon auszugehen, dass dieses Problem nicht existiert, ist kein Weg, um mit der Widerstandsfähigkeit des Planeten umzugehen.»

Kalina Oroschakoff, «Neue Zürcher Zeitung» (19.03.2024)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

13 - Massnahmen zum Klimaschutz
17 - Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

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