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Bild: Kanhaiya Sharma

Wirtschaft

Digitalisierung: In der Privatwirtschaft verschwinden obsolete Berufe, der Staat leistet sich teure Parallelstrukturen

Vor allem in vier bestimmten Berufsfeldern müssen sich Beschäftigte umstellen, um im Arbeitsmarkt zu bestehen. Dies zeigt eine neue Untersuchung, die der Kanton Zürich vorgestellt hat.

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Maschinen statt Mitarbeiter: In der industrialisierten Welt ist das ein uralter Konflikt. Schon 1832 stürmten aufgebrachte Heimarbeiter eine Weberei in Uster im Kanton Zürich und steckten sie in Brand. Ihre Wut richtete sich gegen die moderne Fabrik. Sie produzierte viel schneller und günstiger als sie.

Zwei Jahrhunderte später steht die hiesige Wirtschaft wieder vor einem fundamentalen Wandel. Ganze Berufszweige müssen sich wegen der zunehmenden Digitalisierung umorientieren. Technologien wie Chat-GPT verändern die Welt. Der umstrittene Text-Bot nutzt künstliche Intelligenz, um Texte zu schreiben oder ganze Computerprogramme.

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt eine neue Studie, die am Dienstag vorgestellt worden ist. Sie stammt von Amosa, das ist die Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich.

Die Untersuchung macht vier Berufsfelder aus, die von der Automatisierung und dem zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz besonders betroffen sind.

Erstens, wenig überraschend, wieder einmal die industrielle Produktion. Routineabläufe in der Fabrikhalle können noch häufiger von Maschinen erledigt werden. Zweitens Büro und Sekretariat, drittens Marketing und Vertrieb sowie viertens der Verkauf im Detailhandel.

Dieser Wandel hat schon vor längerem eingesetzt. Zwischen 2010 und 2020 ist in den erwähnten Kantonen etwa jede fünfte Stelle weggefallen, die aus einfachen Routinearbeiten bestand. In diesen Berufsfeldern gab es statt gut 74 000 nur noch knapp 58 000 Stellen. Dazu gehören gemäss der Studie zum Beispiel Lagerarbeiten, das Sortieren oder die Verarbeitung von Waren. Diese Prozesse könnten besonders gut automatisiert werden.

Deutlich zugenommen haben hingegen Berufsfelder, die eine hohe kognitive Leistung erfordern – Stellen, bei denen analysiert, beraten und geführt werden muss. Das kann der «Kollege» aus der Cloud – noch – nicht besonders gut.

Walker Späh: «Nicht auf Panik machen»

Bisher kein starker Rückgang zeigte sich bei sogenannten kognitiven Routinetätigkeiten – dazu zählen die Experten namentlich Büro- und Sekretariatsberufe. Tätigkeiten wie die Sachbearbeitung, die Datenerfassung und Schalterdienste seien allerdings ebenfalls automatisierbar.

Dies alles bedeute nicht, dass nun im grossen Stil mit Entlassungen zu rechnen sei, sagte die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) am Dienstag vor den Medien. «Ich will nicht auf Panik machen», sagte sie. Es werde immer Jobs geben, die nicht so einfach digitalisiert werden könnten.

Edgar Spieler, der Stv. Leiter des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit, sagte, es gebe auch für Leute mit starken sozialen Kompetenzen Chancen in der neuen Arbeitswelt, etwa in der Kundenberatung.

Die grosse Mehrheit der Beschäftigten sei in der Lage, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen, sagte Walker Späh. Sie misst dem lebenslangen Lernen eine besondere Bedeutung bei.

Staat fährt analog und digital gleichzeitig

Doch nicht überall pflügt die Digitalisierung den Arbeitsmarkt um und senkt die Kosten. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die öffentliche Verwaltung: Auch beim Staat gibt es viele Berufe mit langweiligen, repetitiven Aufgaben, die problemlos automatisiert werden können.

Von einer ähnlichen Transformation wie in der Privatwirtschaft ist wenig zu sehen. Der Stellenetat des Kantons Zürich etwa wächst und wächst. Der Kanton beschäftigt über 50 000 Angestellte, allein dieses Jahr kommen rund 1400 weitere dazu.

Ein Grund dafür sind komplexe und teure parallele Systeme. Sie gehe zwar davon aus, dass es dereinst eine Vereinfachung gebe, sagte Walker Späh. Doch der Staat müsse auf verschiedenen Kanälen zugänglich sein, deshalb werde es noch lange digitale und analoge Prozesse geben.

Erst mittelfristig rechnet der Kanton Zürich damit, dass die Digitalisierung zu einem geringeren Stellenbedarf führt, wie die Regierung bereits im Januar festgehalten hat. Noch sei es verfrüht, staatliche Leistungen ausschliesslich elektronisch anzubieten. Andere Länder sind viel weiter.

Für die gesamte Volkswirtschaft wiederum, und auch diese Erkenntnis ist so alt wie die Industrialisierung, lohnt es sich, sich dem Fortschritt nicht zu verschliessen. Im 19. Jahrhundert verschwand im Kanton Zürich zwar die Heimarbeit, im Gegenzug wuchs aber eine Textil- und Maschinenindustrie von Weltrang heran.

Auch vom digitalen Fortschritt hat die Schweiz sehr stark profitiert. Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse geht davon aus, dass zwischen 1997 und 2010 im digitalen Sektor rund 450 000 neue Arbeitsplätze entstanden sind.

Zeno Geisseler, «Neue Zürcher Zeitung» (09.05.2023)

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