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Ist das ESG, oder kann das weg? Die ETH, die Universität Zürich und Robeco suchen eine Antwort darauf, wie sich die Wirkung nachhaltiger Anlagen messen lässt

Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

Wirtschaft

Ist das ESG, oder kann das weg? Die ETH, die Universität Zürich und Robeco suchen eine Antwort darauf, wie sich die Wirkung nachhaltiger Anlagen messen lässt

Die Finanzmärkte lieben Nachhaltigkeit. Dabei ist unklar, welchen Nutzen nachhaltige Investments für die Gesellschaft haben. Eine Forschergruppe von ETH und Universität Zürich will das ändern und gemeinsam mit dem Vermögensverwalter Robeco einen Baukasten entwickeln, wie der «Impact» standardisiert gemessen werden kann.

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Professor Erich Walter Farkas ist ein Optimist. Das muss er auch sein angesichts der Aufgabe, die vor ihm liegt: Er erhofft sich Antworten auf die scheinbar banale Frage, inwieweit ESG-Investments in börsenkotierte Unternehmen die gewünschte Nachhaltigkeitswirkung erzielen und zum angestrebten Nachhaltigkeitsziel beitragen. ESG steht für Umwelt («environment»), Soziales («social») und gute Unternehmensführung («governance») oder simpler: Nachhaltigkeit. Weil es derart en vogue ist, nachhaltig zu sein, hat das Konzept inzwischen allerdings ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Gretchenfrage gegen Greenwashing

Von Greenwashing ist die Rede, was so viel heisst wie: sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen, obwohl nichts Grünes darunter ist. Dafür klingt es gut und hilft erst mal dem Image. Nicht nachhaltig zu sein, ist heutzutage keine Option mehr. Im Fokus sind in erster Linie börsenkotierte Unternehmen, von denen die Finanzmärkte immer stärker fordern, sich ESG-Kriterien zu verschreiben und sich an diesen messen zu lassen. Im Fokus stehen aber zunehmend auch Notenbanken, Pensionskassen sowie grosse Fonds-Häuser, die mit ESG-Produkten gutes Geld verdienen. In der Schweiz werden inzwischen rund 1500 Milliarden Franken nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt.

Nur: Wie misst man Nachhaltigkeit? Am CO2-Fussabdruck des Unternehmens und seiner Lieferanten? An der, bestenfalls, geringen Zahl an Skandalen? An Kinderkrippen, flexiblen Arbeitszeiten und einem besonders wertschätzenden Arbeitsklima? Es gibt eine Vielzahl von Kriterien dafür, was nachhaltig sein soll, und inzwischen auch zahlreiche Anlagestrategien, die mehr oder weniger streng die Spreu der Unternehmen vom Weizen trennen. Auf diese Art sind alle ein bisschen nachhaltig, was es nicht nur für Laien schwierig macht, die tatsächliche Wirkung auf die «Um-Welt» zu bewerten.

Der Teufel steckt in diesem Fall also in ganz vielen Details: «Wir müssen klären, was wir messen wollen, wie wir messen und auf Grundlage welcher Daten. Und wie stellen wir sicher, dass diese Daten auch die relevanten sind?», konkretisiert Farkas die Gretchenfrage, sprich: die Übungsanlage des neuen Forschungsprojekts. Es ist das erste, dem weitere folgen sollen im Rahmen einer neuen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in der Schweiz im Bereich «Sustainable Finance».

Zehn Monate hat es gedauert, die Kooperation zwischen den beiden international renommierten wissenschaftlichen Konkurrenten – der ETH Zürich und der Universität Zürich (UZH) – vertraglich unter Dach und Fach zu bringen. Aus der Wirtschaft ist der niederländische Fondsanbieter Robeco mit an Bord, dessen Schweizer Tochter auf Nachhaltigkeit spezialisiert ist, mit eigener Research-Abteilung in Zürich sowie einer breiten Fondspalette im Angebot.

Keine Auftragsforschung

Robeco bringt ins Projekt seine über Jahre aufgebaute Expertise ein und dient den Forschern als praxisorientierter Sparringpartner. Zudem stellt der Vermögensverwalter seine umfangreiche Research-Datenbank zur Verfügung. Anhand dieser Datenbank misst Robeco bis jetzt aufgrund eigener ESG-Kriterien die Nachhaltigkeit von Unternehmen und wählt jene aus, in die es sich seiner Meinung nach zu investieren lohnt. Datenbasis und Analyse-Tools dienen den Forschern als Grundlage, um eigene Massstäbe zu entwickeln für die Wirkung nachhaltig agierender Unternehmen.

Finanzielle Mittel fliessen seitens Robeco nicht; es handelt sich explizit nicht um Auftragsforschung. Die Forschungsergebnisse sollen veröffentlicht und somit allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden und den Finanzplatz Schweiz insgesamt als internationales Kompetenzzentrum für nachhaltiges Asset Management weiterbringen. «Wir zahlen lediglich 10 000 Franken im Jahr als Entschädigung für administrativen Aufwand. Zudem loben wir ein Preisgeld von 5000 Franken aus für die beste Masterarbeit», präzisiert Martin K. Weber, Verwaltungsratspräsident von Robeco Schweiz.

Derzeit ist Farkas daran, das interdisziplinäre Forscherteam aus beiden Hochschulen zusammenzustellen. Der Associate Professor of Quantitative Finance am Institut für Banking und Finance der UZH ist gleichzeitig Direktor des Masterstudiengangs UZH ETH in Quantitative Finance und hat somit Erfahrung darin, universitätsübergreifende Projekte aufzugleisen. Deshalb laufen die Fäden bei ihm zusammen.

Erste Ergebnisse in zwölf Monaten

Jede Universität stellt zwei bis drei Professoren, die von Doktoranden und Masterstudenten unterstützt werden sollen – ein maximal zwölfköpfiges Team ist für das erste Forschungsprojekt angedacht. Die Teilnehmer werden gemäss Farkas in den kommenden Wochen definitiv festgelegt. Nach spätestens sechs Monaten soll es einen ersten Zwischenbericht geben, nach einem Jahr idealerweise ein Paper, das in einem Fachjournal publiziert werden kann.

«Forschung und Lehre sollten den fachlichen Austausch unter anderem mit der Wirtschaft pflegen. Die Kooperation mit der ETH Zürich und Robeco geht diesen Weg und ermöglicht es der Universität Zürich, ihre Kompetenzen im Bereich Sustainable Finance gezielt einzubringen», kommentiert die Vize-Rektorin der UZH, Gabriele Siegert, die Zusammenarbeit. Eine «vielversprechende Kooperation» nennt es Günther Dissertori, Rektor der ETH Zürich.

Auch der Schweizer Finanzplatz sendet mit dieser Zusammenarbeit bereits jetzt ein starkes Zeichen an die internationale Konkurrenz, dass er es mit seinem Führungsanspruch im Bereich Nachhaltigkeit ernst meine. Für den Vermögensverwalter Robeco ist es ein nicht zu unterschätzender Imagegewinn, dass ausgerechnet er aus der Masse an Anbietern ausgewählt wurde, um seine Expertise einzubringen. Überraschend ist es allerdings nicht.

Der niederländische Vermögensverwalter wurde in der Schweiz bekannt, als er 2006 die Sustainable Asset Management Group SAM übernahm, die sich seit 1995 auf nachhaltige Anlagen spezialisiert hatte. Ihr Gründer Reto Ringger ist inzwischen CEO der ebenfalls auf Nachhaltigkeit spezialisierten Privatbank Globalance, die er 2011 in Zürich gründete. Farkas betont, dass neben Robeco eine Zusammenarbeit mit weiteren Nachhaltigkeitsspezialisten auf dem Schweizer Finanzplatz nicht nur möglich, sondern ausdrücklich erwünscht sei.

Alexandra Stühff, «Neue Zürcher Zeitung» (04.05.2022) Hier publiziert Sustainable Switzerland exklusiv kuratierte Inhalte aus Medien der NZZ. Abonnemente der NZZ entdecken.

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