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Klima & Energie

Revolution in der Tiefe: Ingenieure sehen die Zukunft der Städte im Untergrund

In grossen Städten wie Zürich herrscht Dichtestress. Wohin mit zwar wichtigen, aber störenden Infrastrukturbauten? Tief unter den Boden, raten Experten.

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Revolution in der Tiefe: Ingenieure sehen die Zukunft der Städte im Untergrund

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Wer mit Felix Amberg spricht, hat die Botschaft nach kurzer Zeit verstanden: Die Zukunft der Städte liegt nicht in der Höhe, sondern tief im Boden – im Untergrund.

Amberg weiss, wie er Leute überzeugen kann. Er ist Bauingenieur und beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit dem Thema. «Mehr oder weniger mein ganzes Berufsleben», sagt er. Seine Amberg Group mit Sitz in Regensdorf setzt sich «für eine intelligente Nutzung von Raum» ein. Sie begleitet weltweit Projekte.

Und mit seinem Swiss Center of Applied Underground Technologies entwickelt er Ideen für «unterirdische Zukunftsräume». Ambergs Mission: Metropolen und Ballungszentren sollen entlastet werden durch clevere Lösungen unter dem Boden.

Für Tunnelbau ist die Schweiz berühmt, doch Städte setzen noch wenig auf die Technologie. «Zu wenig», findet Amberg. Das Potenzial für die Stadtentwicklung hält er für «riesig». Alles, was zwar wichtig ist, aber stört, gehört für den Tunnelplaner in den Untergrund: Datencenter, Energiespeicher, Reservoirs, Transport- und Logistikinfrastruktur.

In wachsenden und zunehmend verdichteten Städten sei Raum die kostbarste Ressource. Warum also nicht die Tiefe als zusätzliche Dimension in die Planung einbeziehen?

In der Stadt Zürich haben sich kürzlich drei Parteien zusammengetan, um Druck auszuüben, in diesem Bereich vorwärtszumachen. SP, FDP und GLP fordern vom Stadtrat ein «ganzheitliches Untergrund-Konzept» im Sinne Ambergs. In den kommenden Wochen wird das Stadtparlament darüber abstimmen.

Auch der Bund hat das Thema unlängst aufgegriffen. Vergangenes Jahr hat er seine «Strategie Untergrund Schweiz» veröffentlicht. Darin hält er fest, dass unterirdische Raumreserven die Oberfläche entlasten können – vor allem in grösseren Städten.

In Zürich kommt die Diskussion auch deshalb in Schwung, weil es einen konkreten Anwendungsfall gibt. Das städtische Elektrizitätswerk EWZ will im ehemaligen Unterwerk Selnau direkt an der Sihl eine grosse Energiezentrale erstellen. Heute sind in den Räumlichkeiten unter anderem das Haus Konstruktiv und das Kultur- und Startup-Zentrum Kraftwerk untergebracht.

Die Interessengruppe (IG) Selnau wehrt sich gegen die Umbaupläne und will die heutige Nutzung erhalten. Unter dem Motto: Kultur und Arbeitsplätze an der Oberfläche, Nutzbauten in der Tiefe.

Die Vorgänge rund um das Unterwerk hält Felix Amberg für symptomatisch. Die städtischen Planer hätten zwar alternative Standorte für ihre Energiezentrale geprüft, aber zu wenig weit gedacht. Beziehungsweise zu wenig tief. Den geplanten Infrastrukturbau könne man in 50 Meter Tiefe erstellen, sagt Amberg und verweist auf eine Machbarkeitsstudie, die sein Team für die IG Selnau ausgearbeitet hat (siehe Infobox).

Kürzlich hat die Stadt kommuniziert, beim Kraftwerk Letten eine weitere oberirdische Energiezentrale erstellen zu wollen. Geplanter Baustart: 2027. Für Untergrund-Enthusiasten wie Amberg sind das verpasste Chancen. Die Stadt spricht vom «einzigen Standort für eine wirtschaftlich umsetzbare Energiezentrale».

Generell sei die Stadt Zürich für Bauten im Untergrund prädestiniert, sagt Amberg. Unter dem Üetliberg und dem Zürichberg gebe es sehr viel gut bebaubaren Raum. Die Molassehügel seien praktisch grundwasserfrei. Schon heute gebe es darin Stollen und Tunnels. «Aber es wäre noch viel mehr möglich.»

Höhere Kosten, dafür mehr Fläche

Wie in den konkreten Fällen Selnau und Letten gibt es beim Bauen im Untergrund einige Bedenken und Einwände. Etwa zu den Kosten. Untertagebau ist teuer und aufwendig. Das gibt auch der Fachmann Amberg zu. Jedoch müsse man die ganze Rechnung machen. Wenn im Untergrund gebaut wird, bleibt oberirdisch Raum erhalten. «Gerade in Städten ist jeder oberirdische Quadratmeter einen Haufen Geld wert», sagt er. «Rechnet man das mit ein, relativiert sich vieles.»

Bedingung für das Bauen im Untergrund sei, dass man es bei der Planung und Umsetzung mit «unterstützenden Behörden» zu tun habe, sagt Amberg. In der Schweiz habe man noch wenig Erfahrung mit der Materie; der Untergrund sei ein Stück weit ein rechtsfreier Raum. Ab einer gewissen Tiefe gehört der Boden der Allgemeinheit.

Wer in Zürich etwas im Untergrund plant, braucht eine Bewilligung des Kantons. Darum sei ein gutes Einvernehmen mit den staatlichen Stellen unabdingbar, sagt Amberg. Ein Untergrund-Konzept, wie es in der Stadt Zürich nun angestrebt wird, könnte dabei helfen, schnellere und klare Entscheide zu fällen.

In einer ersten Reaktion zeigt sich der Zürcher Stadtrat bereit, das Anliegen für ein solches Konzept aufzunehmen. Von den Parteien wehrt sich die SVP dagegen. In Zürich gebe es bereits genügend Studien und Strategien, die «viel kosten und nichts bringen», wie es der SVP-Parlamentarier Johann Widmer ausdrückt. Solche Papiere seien meist schon falsch, bevor sie fertiggestellt seien.

Anders sieht es Hanna Hilbrandt, Stadtforscherin und Assistenzprofessorin an der Universität Zürich. Sie hält es für richtig, dass sich Städte solche Fragen stellen. Es gelte immer verschiedene Kriterien gegeneinander abzuwägen. «Die Frage lässt sich in der Abwägung von Kulturorten und Energieinfrastruktur recht leicht beantworten», sagt sie. Gastronomische und kulturelle Nutzungen, gemeinschaftliche Arbeitsorte und städtische Treffpunkte – wie beispielsweise im Kraftwerk Selnau – hätten nicht nur eine wichtige Funktion in der Stadt, sie belebten auch die umliegenden Quartiere.

Die Tiefe als Sehnsuchtsort?

Andere Städte denken den Untergrund in ihrer Planung schon länger aktiv mit. Singapur zum Beispiel. Im südostasiatischen Stadtstaat mit seinen über fünf Millionen Einwohnern sind die Platzverhältnisse noch deutlich prekärer als in Zürich. Dort gibt es Zonenpläne, die festlegen, in welchen Tiefen und Regionen welche Infrastruktur geplant werden soll. Bis etwa 150 Meter in den Boden sei alles zugewiesen, sagt der Experte Felix Amberg. Auch in Hongkong, Helsinki und Montreal sei man viel weiter als hierzulande.

Bedingung für eine solche weitreichende Planung sind geologische Abklärungen, nicht in jedem Untergrund lässt sich alles gleich gut und sinnvoll bauen. Das Grundwasser als wichtige Ressource gilt es zu schützen. Aber, sagt Amberg, mit der heutigen Technik sei vieles möglich. Viel mehr als früher, als man praktisch nur in harten Granit gegraben habe. «Wir haben in diesem Feld riesige Fortschritte gemacht», sagt er.

Tatsächlich schreitet die Forschung voran. In Flums tüfteln die Amberg Group und Dutzende von weiteren Unternehmen sowie Hochschulen an der Zukunft des Untertagebaus: im Versuchsstollen Hagerbach. «Es ist ein riesiges Versuchslabor», sagt Amberg. Hier wird derzeit sogar getestet, wie Nahrungsmittel unter dem Boden produziert werden können. «Wir pflanzen unterirdisch Salat und Rüebli an – 365 Tage im Jahr», sagt Amberg. Die ersten Ergebnisse seien sehr gut.

Der Klimawandel wird die Entwicklung laut Amberg beschleunigen. «Wenn es in unseren Breitengraden regelmässig 40 Grad heiss ist, wird der Untergrund noch attraktiver.» In 100 Meter Tiefe sei es dann angenehm kühl.

Die Tiefe als Sehnsuchtsort? «Warum nicht?», sagt Amberg. Mit architektonisch ansprechenden Lösungen seien attraktive unterirdische Einkaufspassagen und sogar Büroräumlichkeiten denkbar. Bereits heute gibt es in Singapur Pläne für eine riesige «Underground Science City» in insgesamt 36 Kavernen.

«Wenn Städte und Länder solche Möglichkeiten nicht aktiver in ihre Planungen einbeziehen, vergeben sie grosse Chancen», findet der Untergrund-Enthusiast Amberg. Vielleicht folgt ihm die Stadt Zürich bald in die Tiefe – zumindest ein Stück weit.

Daniel Fritzsche, «Neue Zürcher Zeitung» (25.03.2024)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

1 - Keine Armut
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

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