Logo image

Sustainable Switzerland Forum

21. Oktober 2026, THE HALL, Dübendorf

Die Nachhaltigkeits­konferenz der Schweizer Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Sind Sie dabei?

Mehr erfahren
Feuchtgebiete wie diese Sümpfe in Indonesien können durch mikrobielle Zersetzung viel Methan freisetzen – gerade in La-Niña-Jahren.
Feuchtgebiete wie diese Sümpfe in Indonesien können durch mikrobielle Zersetzung viel Methan freisetzen – gerade in La-Niña-Jahren.

Feuchtgebiete wie dieser Sumpf können durch mikrobielle Zersetzung viel Methan freisetzen. Bild: Imago

Klima & Energie

Vor fünf Jahren stieg der Anteil des Treibhausgases Methan in der Luft überraschend stark an. Jetzt wird klar, warum

Von 2020 bis 2022 nahm der Methangehalt in der Luft ungewöhnlich rasch zu. Eine grosse Studie hat komplexe und überraschende Ursachen ans Licht gebracht. Sie sind wichtig, um Versprechen zu prüfen, dass die Methanemissionen gesenkt würden.

1

Teilen
Hören
Logo image

Vor fünf Jahren stieg der Anteil des Treibhausgases Methan in der Luft überraschend stark an. Jetzt wird klar, warum

Teilen
Hören

4 Min.  •   • 

Methan sorgt immer wieder für Überraschungen, dabei ist das Gas ein alter Bekannter. Es ist das zweitwichtigste Treibhausgas, das der Mensch freisetzt, gleich nach Kohlendioxid. Es gelangt zum Beispiel durch Lecks von Erdgaspipelines in die Atmosphäre oder durch die Rülpser von Kühen in der Viehzucht.

Seit Jahrzehnten steigt der Methangehalt der Luft an und trägt zum Klimawandel bei. International wurde darum längst beschlossen, die Methanemissionen zu senken. Zwischen 2020 und 2022 nahm der Methangehalt allerdings so rasch zu wie noch nie seit Messbeginn. Wissenschafter waren verblüfft. Seitdem versuchen sie herauszufinden, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist.

Jetzt hat ein internationales Forscherteam die zwei wichtigsten Ursachen für den rasanten Anstieg im Detail ermittelt: Die erste ist die Corona-Pandemie, die zweite das pazifische Wetterphänomen La Niña. Vegetationsbrände und Emissionen aus fossilen Brennstoffen seien hingegen nicht für den plötzlichen Methanzuwachs verantwortlich, so die Autoren.

Dass die Corona-Pandemie den Methangehalt der Luft beeinflusst, wirkt zunächst überraschend. Es hat mit dem sogenannten Waschmittel der Atmosphäre zu tun, den Hydroxylradikalen. Sie bestehen aus einem Wasserstoffatom und einem Sauerstoffatom und sind sehr reaktionsfreudige Teilchen. Unter normalen Umständen halten sie Methan gewissermassen in Schach – sie greifen das Gas chemisch an und entfernen es. Entsteht genauso viel Methan, wie beseitigt wird, bleibt seine Konzentration in der Luft konstant.

Doch um das Jahr 2020 herum sank der Hydroxylgehalt der Luft deutlich. Das habe wesentlich an dem reduzierten Autoverkehr während der Corona-Pandemie gelegen, berichtet das Forscherteam um Philippe Ciais vom Laboratoire des Sciences du Climat et de l’Environnement bei Paris im Wissenschaftsmagazin «Science».

Abgase von Autos haben nämlich einen starken Einfluss auf den Hydroxylgehalt der Luft, etwa die enthaltenen Stickoxide: Je mehr davon in die Atmosphäre gepustet werden, desto höher steigt – nach einer Reihe chemischer Reaktionen – die Konzentration des atmosphärischen Waschmittels.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Produzieren die Autos weniger Abgase, sinkt der Hydroxylgehalt. Dann gibt es auch weniger von dem atmosphärischen Waschmittel in der Luft, und der Methangehalt steigt. So geschah es in den Jahren 2020 und 2021, als die Corona-Pandemie die Welt lahmlegte.

Auch ein natürliches Phänomen trug zum Methananstieg bei

Die zweite Ursache, La Niña, ist ein natürliches Phänomen. In unregelmässigen Abständen kühlt sich das Wasser im tropischen Pazifik ab. Das hat – über Fernwirkungen der atmosphärischen Luftströmungen – weltweite Folgen für das Wetter: Viele Gebiete werden überschwemmt, oder sie sind etwas feuchter als im Schnitt.

In Sümpfen und anderen Feuchtgebieten nimmt dadurch die mikrobielle Zersetzung zu. So entsteht mehr Methan als gewöhnlich. Durch eine La-Niña-Phase von 2020 bis 2023 gelangte vor allem in den Tropen der Nordhalbkugel mehr Methan in die Luft als sonst, etwa im Sudan, in Kongo-Kinshasa und in Südostasien.

Um dem rasanten Methananstieg auf die Spur zu kommen, setzte das Forscherteam eine ganze Armada technischer Hilfsmittel ein. Die Wissenschafter werteten Messungen des japanischen Satelliten Gosat aus, der Methan in der Erdatmosphäre erkennt; ausserdem nutzten sie Messungen von Methan am Erdboden. Ferner analysierten sie Satellitenmessungen anderer Gase wie Ozon, Stickoxide und Kohlenmonoxid. Schliesslich rechneten sie mit drei Computermodellen die wichtigsten chemischen Vorgänge in der Luft durch, die für den Methananstieg relevant waren.

Ein Kernproblem war, dass sich Hydroxyl nur sehr schwer messen lässt. Denn die hochreaktive Substanz tritt nur in sehr geringen Konzentrationen auf, und die Teilchen existieren jeweils nur für wenige Sekunden. Es ist aber möglich, den Hydroxylgehalt der Luft indirekt zu bestimmen.

Die Corona-Pandemie war wie ein riesiges Experiment

David Stevenson ist Professor für Modellierung der Atmosphärenchemie an der University of Edinburgh und hat nicht an der Studie mitgewirkt. In der Vergangenheit seien Trends beim Methangehalt fälschlicherweise auf Veränderungen bei den Methanemissionen zurückgeführt worden, sagt er. Doch die neue Studie zeige, dass es keine gute Idee sei, Schwankungen des Hydroxylgehalts zu ignorieren. Denn ihr Einfluss auf Methan sei sehr stark.

Es sei sehr wichtig, im Detail zu verstehen, warum die Wachstumsrate von Methan so stark schwanke, sagt Stevenson. Denn nur dann könne man prüfen, ob die Menschheit ihr Versprechen, den Ausstoss von Methan zu senken, wirklich einlöse.

Sven Titz, «Neue Zürcher Zeitung» (06.02.2026)

Hier publiziert Sustainable Switzerland exklusiv kuratierte Inhalte aus Medien der NZZ. Abonnemente der NZZ entdecken.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

3 - Gesundheit und Wohlergehen
11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
13 - Massnahmen zum Klimaschutz

Werbung

Beliebteste Artikel

Empfohlene Artikel für Sie

Die Verbrennung von Kohle ist eine der wichtigsten Quellen von CO2-Emissionen – etwa im Kohlekraftwerk Boxberg, das hier hinter dem Abraum eines ehemaligen Tagebaus bei Hammerstadt in Sachsen hervorlugt.
Klima & Energie

Der CO2-Gehalt in der Luft ist so stark gestiegen wie noch nie seit Messbeginn. Was bedeutet der Rekord?

Foto: EPFL
Klima & Energie

Geschlossener Kreislauf fürs Klimagas

Buckelwale im Pazifik: 2023 haben die Weltmeer rund 10 Prozent weniger Kohlendioxid aufgenommen als sonst.
Klima & Energie

Die Hitze setzt den Weltmeeren zu – das erschwert das Erreichen der Klimaziele

Ähnliche Artikel

Im Jahr 2022 bricht der Vulkan Mauna Loa auf Hawaii aus, das erste Mal seit 40 Jahren.
Klima & Energie

Jeder, der sich für das Klima interessiert, muss diesen Vulkan kennen

Stadt Zürich
Klima & Energie

«Netto null bedeutet nicht völlig null», sagt der Forscher. Zürich überprüft neuerdings, wie es seine hochgesteckten Klimaziele erreichen soll

Ozone
Klima & Energie

Das Ozonloch hat sich diesmal sehr früh geöffnet – das könnte an einem Vulkan liegen