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Auch Mailand pflanzt mit: Bis 2030 soll die Metropole um drei Millionen Bäume reicher sein.

Auch Mailand pflanzt mit: Bis 2030 soll die Metropole um drei Millionen Bäume reicher sein. Bild: Imago

Klima & Energie

Mit Wäldern das Klima retten: wie der Hype ums Bäumepflanzen entstand – und was davon übrig bleibt

Wie viel Platz bleibt auf der Erde für zusätzliche Wälder? Eine Fläche, so gross wie die USA, sagten ETH-Forscher und sorgten für Euphorie. Eine neue Studie zeichnet ein ganz anderes Bild.

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Mit Wäldern das Klima retten: wie der Hype ums Bäumepflanzen entstand – und was davon übrig bleibt

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Kaum eine Umweltschutzidee inspirierte in den letzten Jahren so sehr wie diese: Bäume pflanzen, um den Klimawandel zu bremsen, dem Verfall biologischer Vielfalt entgegenzuwirken und das Wohlergehen von Menschen zu fördern. Auf Bäume konnten sich alle einigen, Umweltschützer und Industrie. Sogar US-Präsident Donald Trump pflanzte einen Baum gegen den Klimawandel.

Dass Wälder wachsen können, ohne dass die Landwirtschaft leidet, zeigen Europa und Nordamerika. Dort werden Wälder seit Jahrzehnten grösser. Das soll überall möglich sein. Wälder sind Teil der internationalen Klimaziele. Programme wie die Bonn Challenge riefen zur Renaturierung von 350 Millionen Hektaren Land auf, die Billion Tree Campaign der Uno zur Pflanzung von einer Milliarde Bäume.

Doch wie viel grösser der Wald weltweit noch werden könnte, ohne dass der Ackerbau und andere Ökosysteme gefährdet werden, löste kontroverse wissenschaftliche Diskussionen aus. Im Zentrum stand eine Studie der ETH Zürich von 2019. Sie sagte: eine Fläche, so gross wie die USA. Andere Berechnungen kamen auf kleinere Zahlen. Nun fasst eine Studie in «Nature Communications» die Forschung zusammen und versucht, ein realistischeres Bild zu zeichnen.

«Die Forschung, die viel Aufmerksamkeit in den Medien und in internationalen Polit-Kreisen erhielt, war nicht wirklich repräsentativ für die Diskussion unter Fachleuten», sagt Forrest Fleischman, Politikwissenschafter und Wald-Spezialist an der Universität von Minnesota und profilierter Kritiker des Baumpflanz-Hypes.

Dass es bei Wäldern zwei Realitäten gibt, sei ihm zum ersten Mal vor zehn Jahren aufgefallen. Damals publizierte das World Resources Institute, ein renommierter Umwelt-Think-Tank aus den USA, einen pixeligen Atlas für mögliche Aufforstung. Fleischman kam die Weltkarte seltsam vor. Das Institut zeichnete etwa Savannen als mögliche Gebiete für Aufforstung ein. «Afrikanische Savannen existieren seit Millionen Jahren», sagt Fleischman: «Sie haben bioklimatische Bedingungen, unter denen Bäume wachsen können. Aber die Tiere in diesen ikonischen Landschaften, wie Löwen und Giraffen, sind keine Waldtiere.»

Ein Drittel des menschengemachten CO2 kompensieren

Doch das war erst der Anfang. Vorschub erhielt die Forschung auch durch eine rasante technologische Entwicklung. Die Zahl der Satelliten im Weltall hatte sich seit 2010 fast verzehnfacht. Entsprechend viel besser wurden die Daten über unseren Planeten. Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz erlaubten es, unterschiedliche Vegetationen maschinell zu kategorisieren: Was ist Wald, was war mal Wald, was könnte wieder Wald werden. Die bereits erwähnte ETH-Studie machte 2019 genau das: Der Biologe Thomas Crowther und sein Team versuchten zu ermitteln, wie viel Wald auf der Welt noch Platz hat. Damals war Crowther noch an der ETH Zürich angestellt, inzwischen musste er die Hochschule aber nach Vorwürfen der Belästigung verlassen, die der Forscher zum Teil bestreitet.

Das Geld für die Forschung half Plant for the Planet aufzutreiben, eine NGO mit dem Ziel, eine Billion Bäume auf der Welt zu pflanzen. Ein Drittel der menschengemachten CO2-Emissionen könnte so kompensiert werden, rechnete die ETH-Studie vor. Das Ergebnis ging um die Welt. Greta Thunberg drehte ein virales Video über die «magische Maschine» Bäume. Trump pflanzte eine dieser Maschinen und rief ebenfalls zur Pflanzung einer Billion weiterer auf. Unternehmen erhofften sich von Bäumen einen einfachen Weg, Emissionen zu kompensieren.

Drei weitere Aufforstungs-Karten sind mittlerweile entstanden. Alle zusammen sehen drei Viertel der eisfreien Landmasse als theoretisch mögliche Waldfläche. Doch bereits bei der Frage, wie gross diese Fläche sein könnte, gehen die Positionen weit auseinander. Die ETH-Studie ist mit 8682 Millionen Hektaren die ambitionierteste. Die konservativste kommt auf 6160 Millionen Hektaren.

Definiert man Wald strikter, schrumpft die Fläche gar auf 2393 Millionen Hektaren, wie die neue Studie in «Nature Communication» vorrechnet, an der auch Fleischman mitgearbeitet hat. Zieht man davon die Flächen ab, die bereits Wald sind, sowie unfruchtbare Böden und Wasserflächen, bleiben noch 305 Millionen Hektaren zur theoretisch möglichen Aufforstung. Das ist immerhin die Grösse Indiens. Aber ist das auch realistisch und sinnvoll?

Ein grosses Stück kleiner wird die Fläche, wenn man Ackerbau und Gebiete wie die Savanne abzieht, auf denen zwar Wald wachsen könnte, aber nicht sollte. «Wenn man mehr Bäume pflanzt, geht ein Teil der Artenvielfalt verloren», sagt Fleischman. Feucht- und Torfgebiete etwa haben ihr ganz eigenes Ökosystem.

US-Präsident Donald Trump pflanzt zum Earth Day am 22. April 2020 einen Baum auf dem Rasen vor dem Weissen Haus. Bild: Reuters

Hinzu kommen klimatische Abwägungen. Ein Grossteil des CO2 von Wäldern ist oft in den Böden gespeichert, zu denen aber in der Regel solide Daten fehlen. «In manchen Ökosystemen geht durch die Ausweitung der Baumbedeckung Kohlenstoff in der Erde verloren», so Fleischman. Man lässt die Wälder also besser in Ruhe. Und dann ist da noch der Albedo-Effekt. Schnee zum Beispiel reflektiert Licht. Werden Bäume gepflanzt, wird die Fläche dunkler und trägt zur Erderwärmung bei.

Zieht man das alles ab, kommen die Autoren der neuen Studie noch auf 195 Millionen Hektaren, eine Fläche, so gross wie Mexiko. Das ist etwa ein Viertel bis ein Fünftel der Fläche, die in der ETH-Studie genannt ist, die solche Abzüge teilweise zwar auch macht, aber viel weniger stark. Doch immerhin: Rund fünf Prozent der weltweiten Emissionen könnte ein solches Waldgebiet jährlich neutralisieren. Das ist nicht nichts, und wenn die übrigen Emissionen sinken, würde es anteilig sogar immer mehr. Hier bekommt der Wald eine wichtige Funktion, zumindest in Ländern, die über besonders grosse Wälder verfügen.

Nur leben in diesen Gebieten 98 Millionen Menschen. Ihnen soll die Aufforstung nicht schaden, sondern dienen. Aber macht sie das wirklich? Das versuchte Fleischman in Indien zu ermitteln. Dort will sich die Regierung schon lange mit dem Pflanzen von Bäumen international profilieren.

Setzlinge landeten in bereits existierenden Wäldern

Für eine Studie, die 2021 erschien, untersuchte der Forstwissenschafter Hunderte Orte, an denen im grossen Stil Bäume gepflanzt worden waren. Das Ergebnis war ernüchternd: Unter dem Strich hatte sich die Waldfläche nicht verändert. Und die Gemeinden berichteten, dass der Baumpflanz-Aktionismus der Zentralregierung wenig Nutzen hatte.

Weil es nicht viel Platz für neue Bäume gab, landeten Setzlinge in existierenden Wäldern oder an Steilhängen. Die ambitionierten Zahlen führten auch dazu, dass Verantwortliche nur die Ziele erfüllen wollten. «Sie konzentrierten sich auf das Pflanzen von Bäumen, anstatt ganzheitlich über die Menschen und die Ökosysteme nachzudenken», so Fleischman.

Forrest Fleischman, Politikwissenschafter und Wald-Spezialist an der Universität von Minnesota.

Damit Aufforstung erfolgreich ist, müssen Menschen gefragt werden, wo sie gebraucht wird. Das passiert eher dort, wo es starke demokratische Institutionen gibt. Deshalb schlossen die Autoren der neuen Studie in einem letzten Szenario auch Aufforstung in Gegenden aus, die wenig demokratisch sind und wo Landrechte schwach ausgeprägt sind.

Weite Teile Afrikas und Asiens würden damit ausfallen. Die Fläche halbierte sich dann noch auf 90 Millionen Hektaren in Südamerika, Nordamerika und Europa. Kurzum: Wenn der Westen mit dem Pflanzen von Bäumen auf verantwortungsvolle Weise ein wenig den Klimawandel bremsen will, müsste er es vor der eigenen Haustür tun. Möglich ist es: Grossbritannien etwa hätte Potenzial. Die Insel ist weitgehend gerodet.

Auch Silicon-Valley-Konzerne pflanzen Bäume

Trotz aller Kritik, die die ETH-Studie in der Fachwelt erhielt, gelang ihr doch eines: die Phantasie anzuregen und für Wälder zu mobilisieren. Vor allem Silicon-Valley-Konzerne wie Apple, Amazon, Microsoft und Salesforce haben sich mit grossen Baumpflanz-Versprechen hervorgetan. Der Software-Riese Salesforce gehört zu den Mitgründern der Initiative, die eine Billion Bäume pflanzen will. 100 Millionen Bäume wollte Salesforce selbst «erhalten, wiederherstellen und wiederaufforsten» lassen. Der Amazon-Gründer Jeff Bezos gründete eine 10-Milliarden-Dollar-Stiftung zum Schutz der Natur, die seither auch viel in die digitale Vermessung von Wäldern investiert.

Doch wo Wiederaufforstung und Renaturierung draufsteht, kann vieles drin sein. Apple etwa hat angekündigt, mehrere hundert Millionen Dollar in die «Wiederherstellung» von Natur und Wäldern zu investieren. Ziel ist dabei auch, CO2-Emissionen mit Aufforstung zu kompensieren. Was Apple als «Wiederherstellung» von Natur preist, sieht bei genauerer Betrachtung aber etwas anders aus. Auf riesigen degradierten Flächen von ehemaligen Rinderfarmen in Paraguay lässt das Unternehmen Bäume pflanzen. Dabei handelt es sich grösstenteils um Eukalyptus-Plantagen.

Apples Engagement in Paraguay: Wo einst Rinder weideten, spriesst heute Eukalyptus. Bild: Apple

Klimatisch kann das sinnvoll sein: Wird das Holz nach der Ernte nicht verbrannt, sondern erhalten, speichert es dauerhaft CO2. Der Natur wird jedoch nur ein kleiner Teil der Fläche überlassen. «Natürlicher Wald wächst einfach viel zu langsam, um Kompensationen zu erzielen. Eukalyptus hingegen kann man nach sechs bis acht Jahren roden», sagt Jutta Kill, die die Projekte für die NGO World Rainforest Movement analysiert hat: «Naturwald rechnet sich hier nicht.»

Wolle man renaturieren, brauche es Zeit, so Kill: «Auf stark degradierten Flächen wachsen Bäume kaum noch von selbst. Man pflanzt also Pionierbaumarten, die schneller wachsen und dann für die nächste Generation von Bäumen Wuchsbedingungen schaffen.»

Das können Bergwaldprojekte in der Schweiz sein, die auch Hänge sichern, oder Agroforst-Projekte in Brasilien, wo Bäume auf degradierten Flächen gepflanzt werden, um sie landwirtschaftlich wieder zu nutzen. Gemeinden investieren hier über Generationen hinweg in die Wälder. Um Emissionen von Unternehmen zu kompensieren, taugt das aber kaum, weil die Prozesse so langsam sind. Zwanzig bis dreissig Jahre dauert es, bis die Wälder ausgewachsen sind. Die Emissionen werden von einem Monat auf den nächsten ausgestossen.

Tin Fischer, «NZZ am Sonntag» (17.07.2025)

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Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
12 - Verantwortungvoller Konsum und Produktion
13 - Massnahmen zum Klimaschutz
15 - Leben an Land

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