Tiere im Zoo Zürich werden immer älter – kontrollierte Tötungen könnten ein Teil der Lösung sein
Eine Studie der Universität Zürich zeigt: Die Überalterung in Zoos kann Populationen destabilisieren, das hat fatale Folgen für den Artenschutz.
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Gorilla-Silberrücken N’Gola ist eingeschläfert worden – er war für die europäische Reservepopulation nicht mehr relevant. Bild: Keystone
Eine Studie der Universität Zürich zeigt: Die Überalterung in Zoos kann Populationen destabilisieren, das hat fatale Folgen für den Artenschutz.
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4 Min. • • Claudia Rey, «Neue Zürcher Zeitung»
Tiere in modernen Zoos wie jenem in Zürich werden immer älter. Lange brüsteten sich die Zoos damit, feierten die Geburtstage ihrer Publikumslieblinge wie Erfolge. Nun zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie unter der Leitung der Universität Zürich: Das zunehmende Alter der Tiere ist ein Problem.
Am 21. Juni 2017 wurde etwa das Gorilla-Männchen N’Gola im Zoo Zürich 40 Jahre alt. Es war ein stolzes Alter für einen Gorilla, haben sie doch in der freien Wildbahn eine Lebenserwartung von 35 bis 40 Jahren. Und so lud der Zoo Medien zur Geburtstagsfeier ein, landauf, landab wurde berichtet. Das Schweizer Fernsehen kam vorbei. Und auch diese Zeitung titelte «Silberrücken mit Herz aus Gold» und schrieb dann: «Die Verantwortlichen des Zoos widmen dem Jubilar einen dreiseitigen Lebenslauf und winden ihm Kränzchen. Statt mit einem Ständchen ehren sie ihn am Mittwoch mit Referaten, tapfer gegen lärmende Horden im Kindergartenalter ankämpfend.»
Doch schon damals werden die Verantwortlichen des Zoos geahnt haben: Das hohe Alter des Gorilla-Männchens ist kein Segen für den Zoo Zürich.
Gorilla wird eingeschläfert
Acht Jahre später hat der Zoo den Silberrücken eingeschläfert. «Natürlich ist das ein emotionales Thema», sagte damals, im Frühling 2025, der Zoodirektor Severin Dressen. Aber der Entscheid sei richtig gewesen. N’Gola sei seit Jahren gesundheitlich angeschlagen gewesen. Und genetisch sei er für die europäische Reservepopulation nicht mehr relevant gewesen. Man habe sich deshalb entschieden, ihn einzuschläfern und die Gorillagruppe neu zusammenzusetzen.
Die neue Studie bestärkt nun diesen Entscheid des Zoos Zürich. In der Studie unter der Leitung der Universität Zürich heisst es: «Verbesserungen in der Tierhaltung haben dazu geführt, dass viele Zootiere länger leben.» Die Wissenschafter haben die Altersverteilung bei 774 Säugetierpopulationen in europäischen sowie nordamerikanischen Zoos über einen Zeitraum von 53 Jahren analysiert.
Das Ergebnis: «Viele Populationen altern immer mehr, es gibt also immer mehr alte und immer weniger sich fortpflanzende Tiere innerhalb der jeweiligen Population. Die Konsequenz daraus könnte fatal sein.» Denn durch Überalterung und fehlende Fortpflanzung werde eine Population instabil, schreibt der Zoo Zürich in einer Medienmitteilung.
Gebe es keinen Nachwuchs und stürben zeitgleich nach und nach alte Tiere, seien irgendwann kaum noch Tiere oder sogar gar keine Tiere mehr da. «Solche Populationen sind weniger resilient – zum Beispiel gegen Tierseuchen oder Ereignisse wie Covid, die den Austausch von Tieren zwischen Zoos dramatisch einschränken können», heisst es in der Mitteilung weiter.
Der Zoodirektor Severin Dressen sagt dazu: «Langfristig droht eine solche Population zu verschwinden und somit auch ihren Sinn und Zweck im Artenschutz zu verlieren.» Dieser bestehe darin, eine Reserve, eine Art Versicherung, für eine gefährdete Art zu bilden – damit eine Tierart auch dann bestehen bleibe, wenn sie in der Natur auf lange Sicht wenig Überlebenschancen habe. «Doch diesen Sinn erfüllt eine Reservepopulation nur dann, wenn sie stabil, resilient, gesund und von Dauer ist. Nur dann trägt sie effektiv zum Artenschutz bei», so Dressen.
Um die Stabilität einer Population zu sichern, kann es im Zoo Zürich vorkommen, dass Tiere getötet und an andere Zootiere verfüttert werden. Bild: Zoo Zürich
Die nun erschienene Studie der Universität Zürich offenbart: Moderne Zoos erfüllen ihre Aufgabe im Artenschutz nicht ideal. Viele Reservepopulationen sind überaltert.
Zudem ist der Anteil der Weibchen, die sich tatsächlich fortpflanzen, dramatisch zurückgegangen. In manchen Beständen gibt es überhaupt keine fortpflanzungsfähigen Weibchen mehr.
Tötung bleibt letzte Option
Das hat einerseits zur Folge, dass kaum Nachwuchs geboren wird. Andererseits leidet aber auch das Sozialleben der Tiere darunter. Denn die Fortpflanzung und die Aufzucht von Jungtieren gehören zu ihren grundlegenden Bedürfnissen und sind ein wichtiger Teil einer artgerechten Haltung.
Der Trend zur Überalterung müsse «unbedingt gestoppt und umgekehrt werden», sagt der leitende Studienautor Marcus Clauss. Um die Populationen zu stabilisieren, könnten überzählige Tiere neu platziert werden. Das sei jedoch nur bedingt möglich. Eine langfristige Lösung sei eine respektvolle Tötung von einzelnen Zootieren.
Für den Zoo Zürich ist das Töten von Tieren trotzdem nach wie vor die letzte Option, wie es in der Medienmitteilung heisst. Fälle wie der des Gorillas N’Gola sollen die Ausnahme bleiben.
Claudia Rey, «Neue Zürcher Zeitung» (22.01.2026)
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