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Frühling am See – und doch fehlt vielerorts etwas: Wenn Lebensräume unter Druck geraten, wird die Vielfalt in Wiesen, Wäldern und Gewässern leiser.
Frühling am See – und doch fehlt vielerorts etwas: Wenn Lebensräume unter Druck geraten, wird die Vielfalt in Wiesen, Wäldern und Gewässern leiser.

Frühling am See – und doch fehlt vielerorts etwas: Wenn Lebensräume unter Druck geraten, wird die Vielfalt in Wiesen, Wäldern und Gewässern leiser. Bild: Keystone

Lebensräume

Trügerischer Frühling

Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist weiterhin schlecht. Zaghafte Fortschritte zeigen aber: Massnahmen greifen. Diese sollten in unser aller Interesse sein, um die wirtschaftlichen Folgen eines weiteren Verlusts des Artenreichtums abzufedern.

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Trügerischer Frühling

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Die Tage werden bereits wieder länger, im Mittelland blühen Schneeglöckchen, Primeln und Krokusse. Es kreucht und fleucht, summt und brummt bereits wieder. Zumindest vordergründig. Denn die neuesten Zahlen des Forums Biodiversität der Akademie der Naturwissenschaften (Scant), an dem unter anderem Forschende der Eawag beteiligt waren, zeigen: Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist nach wie vor ungenügend. Einziger Lichtblick ist, dass sich der Rückgang der Arten seit der Jahrtausendwende teilweise verlangsamt hat.

Insgesamt gilt mehr als ein Drittel der Arten in der Schweiz weiterhin als gefährdet, rund die Hälfte der Lebensraumtypen ist in einem schlechten oder unbefriedigenden Zustand. Besonders angespannt ist die Lage in den intensiv genutzten Tal- und Hügellagen: In Gewässern, im Siedlungsraum und in landwirtschaftlich geprägten Gebieten wird der Zustand der Biodiversität nach wie vor als «schlecht» eingestuft. Die Gründe sind bekannt und gut dokumentiert: Bodenversiegelung, Zerschneidung der Landschaft durch Infrastruktur, eine intensivierte Landwirtschaft sowie Stickstoff- und Pestizideinträge setzen vielen Arten zu. Hinzu kommen zunehmende Lichtverschmutzung und der Klimawandel, der Lebensräume verschiebt und zusätzliche Stressfaktoren schafft.

Mittelland schlecht, Wald etwas besser, Alpen gut

Im neuen Bericht «Biodiversität in der Schweiz verstehen und gestalten» vom Januar 2026 verdichtet die unabhängige Netzwerkorganisation Akademie der Naturwissenschaften Schweiz Monitoringdaten und Forschung der letzten 15 Jahre zu einem Gesamtüberblick. Das Bild ist differenziert: Während im Mittelland Arten verschwinden und sich Artengemeinschaften immer ähnlicher werden, schneiden alpine Lagen oberhalb der Waldgrenze vergleichsweise gut ab. Im Wald wiederum hat sich der Zustand laut Scant von «schlecht» auf «mittel» verbessert – ein Hinweis darauf, dass Schutzgebiete und naturnähere Bewirtschaftung Wirkung zeigen können.

Trotz des ernüchternden Gesamtbefunds verweisen die Fachleute aber ausdrücklich auch auf positive Entwicklungen. Der Rückgang der Biodiversität hat sich nach den massiven Verlusten des 20. Jahrhunderts verlangsamt, und gezielte Fördermassnahmen von Bund, Kantonen, Gemeinden und Privaten zeigen messbare Effekte – meist lokal oder regional, teilweise sogar national. Einige grosse Tierarten, etwa Reh und Biber, konnten Gebiete, aus denen sie verschwunden waren, wiederbesiedeln. Auch wärmeliebende, mobile und bereits häufige Arten profitieren mancherorts von veränderten Umweltbedingungen und Förderprogrammen.

Erfolgsgeschichten finden sich insbesondere dort, wo Schutz, Renaturierung und Nutzung neu austariert werden. Im Glarner Schwändital etwa wurde ein Hochmoor von nationaler Bedeutung wieder vernässt; das Projekt reduziert Treibhausgasemissionen und verbessert gleichzeitig den Lebensraum für spezialisierte Moorarten. Ähnliche Programme zur Renaturierung von Hoch- und Flachmooren laufen in mehreren Kantonen, oft co-finanziert von Bund, Kantonen und privaten Akteuren. Pilotprojekte des Bundesamts für Umwelt sollen zudem zeigen, wie sich landwirtschaftliche Nutzung und der Schutz hydrologischer Einzugsgebiete von Mooren verbinden lassen, ohne die empfindlichen Ökosysteme weiter auszutrocknen.

Das Hochmoor im Glarner Schwändital wurde renaturiert. Bild: Departement Bau und Umwelt Kanton Glarus

Politisch reagiert der Bund mit dem Aktionsplan zur Strategie Biodiversität Schweiz, dessen zweite Phase schon ab 2025 zusätzliche Massnahmen vorgesehen hat. Geplant sind unter anderem der Ausbau von Schutz- und Vernetzungsflächen, die Aufwertung bestehender Biotope sowie eine stärkere Abstimmung mit der Agrar-, Raumplanungs- und Infrastrukturpolitik. Fachleute und Umweltverbände kritisieren allerdings, dass Tempo und Umfang der Umsetzung bisher nicht genügen, um die nationalen und internationalen Ziele zu erreichen.

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz nicht gut da

Gerade im internationalen Vergleich steht die Schweiz trotz hoher Umweltstandards nicht gut da: Studien sehen das Land bei der Bekämpfung der Biodiversitätskrise eher im Hinterfeld, weil die negativen Effekte eines dichten Verkehrsnetzes, eines hohen Pro-Kopf-Flächenverbrauchs und einer stark intensivierten Landwirtschaft noch immer überwiegen. Der Handlungsbedarf ist entsprechend unbestritten – von der konsequenteren Anwendung bestehender Gesetze bis hin zur Umlenkung biodiversitätsschädigender Subventionen.

Und doch: Der neue Bericht zeichnet nicht nur ein Bild des Verlusts, sondern auch eines möglichen Kurswechsels. Wo Renaturierungsprojekte ernsthaft angegangen, Schutzgebiete qualitativ aufgewertet und ökologische Infrastruktur vernetzt werden, kann sich die Natur erholen – wenn auch langsam. Die Trendwende ist bei weitem noch nicht geschafft, aber Interventionen zeigen durchaus Wirkung, lautet die implizite Botschaft der Forschenden. Die Biodiversität in der Schweiz bleibt in kritischem Zustand, doch sie reagiert auf Schutz und Umsicht – sofern die Gesellschaft bereit ist, diesen Weg konsequent weiterzugehen.

Ein gesellschaftliches Interesse sollt hierfür inhärent vorhanden sein: Biodiversität ist ein wirtschaftliches Kapital: Intakte Ökosysteme sichern Bestäubung, sauberes Wasser, stabile Böden und Schutz vor Naturgefahren – Leistungen, deren Ausfall Milliarden kostet. Investitionen in ihren Schutz sind deshalb eine Art Versicherung für die Volkswirtschaft.

Dieser Artikel behandelt folgende SDGs

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sind 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung, vereinbart von den UN-Mitgliedsstaaten in der Agenda 2030. Sie decken Themen wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser, erneuerbare Energie, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Infrastruktur, Klimaschutz und den Schutz der Ozeane und der Biodiversität ab.

11 - Nachhaltige Städte und Gemeinde
15 - Leben an Land

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