Die Transformation zu einer nachhaltigen und damit zukunftsfähigen Wirtschaft wird meist als technologische und wirtschaftspolitische Herausforderung beschrieben: Es geht um Dekarbonisierung, Energiewende, Kreislaufwirtschaft und neue Infrastrukturen – und deren Finanzierung. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, welche Rolle Arbeit in diesem Wandel spielt.
Dabei verändert die notwendige Transformation nicht nur Technologien, Produktionsweisen und Märkte, sondern fordert uns auch heraus, Arbeit neu zu bewerten: Welche Tätigkeiten sind gesellschaftlich wertvoll? Und worin finden Menschen Sinn?
Arbeit ist weit mehr als ein Mittel zur Einkommenserzielung. Sie gibt Struktur, schafft soziale Beziehungen und ermöglicht Teilhabe. Für viele Menschen ist sie Ausdruck von Identität und gesellschaftlichem Beitrag. Die meisten Menschen möchten nicht nur Geld verdienen, sondern durch ihre Arbeit Autonomie erleben, Verantwortung übernehmen und Wirkung entfalten.
Gleichzeitig verschiebt die Nachhaltigkeitstransformation auch die gesellschaftliche Bewertung von Arbeit. Tätigkeiten, die lange als randständig galten – reparieren statt ersetzen, sanieren statt neu bauen –, gewinnen an Bedeutung.
Gleichzeitig erhöht die Nachhaltigkeitstransformation die Nachfrage nach Tätigkeiten mit erkennbarem gesellschaftlichem Nutzen: Während viel über den Fachkräftemangel diskutiert wird, gibt es möglicherweise einen Mangel der «Passform»: Laut Gallup sind in Europa lediglich 12 Prozent der Beschäftigten engagiert bei der Arbeit. Rund 15 Prozent gelten gar als «aktiv distanziert»: Sie haben innerlich gekündigt und stehen ihrer Arbeit und ihrem Unternehmen emotional distanziert gegenüber.
Diese Zahlen verweisen auf ein grundlegendes Problem: Viele Menschen erleben ihre Arbeit als wenig gestaltbar oder gesellschaftlich unwichtig. Der Anthropologe David Graeber beschrieb dieses Unbehagen mit dem Begriff der «Bullshit Jobs». Seine These: Zahlreiche Beschäftigte empfinden die eigene Tätigkeit als gesellschaftlich irrelevant oder gar schädlich – trotz teilweise hoher Einkommen.
Graebers Erkenntnisse lassen sich auch an die Nachhaltigkeitstransformation übertragen: Welche Tätigkeiten schaffen gesellschaftlichen Nutzen? Und welche Arbeit ermöglicht Entfaltung, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft?
Viele der Berufe, die für eine zukunftsfähige Wirtschaft zentral sind – Pflege, Bildung, Reparatur, Handwerk, Energieversorgung oder Naturschutz – stiften einen hohen gesellschaftlichen Wert. Gleichzeitig gehören sie oft zu den Tätigkeiten mit niedrigerem Status oder Einkommen. Es braucht daher für die gesellschaftliche Aufwertung dieser Berufe zwingend eine öffentliche Debatte.
Dabei kann auch das Konzept der Exnovation, das durch die Innovation oft in den Schatten gestellt wird, helfen: das gezielte und bewusste Abschaffen oder Beenden von alten Technologien, Produkten, Verhaltensweisen – oder eben Jobs.
Eine Exnovation fossiler Technologien und Geschäftsmodelle wird unvermeidlich sein. Bemerkenswert ist, dass viele Beschäftigte diesen Wandel selbst antizipieren: In einer britischen Umfrage unter Beschäftigten der Öl- und Gasindustrie gaben mehr als 80 Prozent an, einen Wechsel in Betracht zu ziehen – in die Branche der erneuerbaren Energien.
Für eine zukunftsfähige Wirtschaft ist das positiv. Denn die ökologische Transformation braucht mehr als Investitionen, Regulierung und technologische Innovationen. Sie braucht Menschen, die bereit sind, diesen Wandel mitzutragen und mitzugestalten.
Gerade in jenen Bereichen, die für die Transformation zentral sind – Energie, Sanierung, Reparatur, Bildung oder Naturschutz –, wird Motivation zunehmend zum Standortfaktor. Arbeit, die als gesellschaftlich relevant erlebt wird, stärkt Identifikation, Bindung und somit langfristig auch die Transformationsfähigkeit.
Die Arbeitswelt der Zukunft wird sich deshalb nicht allein an Effizienz und Produktivität bemessen. Sie entscheidet sich auch daran, ob es gelingt, Arbeit wieder stärker als gesellschaftlichen Beitrag zu verstehen.