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Nachhaltige Anlagen: Die Wirkung ist egal, wichtig ist vor allem das gute Gefühl

Privatanleger investieren gerne in nachhaltige Produkte. Der Markt wächst seit Jahren zweistellig. Auch in der Schweiz. Aber wie leicht lassen sich Anleger für das gute Gewissen ködern und sich das Geld aus der Tasche ziehen? Eine neue Studie der HSG und der Universität Zürich lässt aufhorchen.

Hauptsache, das gute Gefühl stellt sich ein: Positive Emotionen sind Anlegern wichtiger als die Wirkung ihrer nachhaltigen Investments. Bild: eko pramono auf Pixabay

18. September 2022

Egal, ob private oder professionelle Investoren: Anlageprodukte, denen das ESG-Label anheftet, erfreuen sich ungebrochener Nachfrage. ESG steht für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environment, Social, Governance) und wird unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammengefasst. Der Markt wächst zweistellig. In der Schweiz werden derzeit knapp 2 Billionen Franken nachhaltig verwaltet, ein Plus von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Anlagegelder im Bereich Nachhaltigkeit hierzulande fast verfünfzigfacht. Und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht.

Was motiviert Anleger, nachhaltig zu investieren?

Da liegt die Frage nahe, warum Privatanleger bei gleichen Kosten nachhaltige Produkte präferieren im Vergleich zu herkömmlichen. Und ob sie bereit sind, mehr zu zahlen, wenn ein Anlageprodukt noch mehr Wirkung für Gesellschaft und Umwelt verspricht.

Diesen Fragen sind Julian Kölbel, seit kurzem Assistenzprofessor für nachhaltige Finanzwirtschaft im Center for Financial Services Innovation an der Universität St. Gallen, und seine drei Forscherkollegen von der Universität Zürich in einer Studie nachgegangen, die diese Woche in der renommierten Fachzeitschrift «Review of Financial Studies» publiziert wurde: «Do Investors care about Impact?» – «Spielt für Investoren die Wirkung ihrer Geldanlage eine Rolle?», so lautet der Titel der Studie. «Wir wollten wissen, was Privatanleger motiviert, nachhaltig zu investieren», erklärt Kölbel im Gespräch, «geht es ihnen um die Wirkung, die sie mit ihrem Investment erzielen, und wie viel sind sie bereit, sich das kosten zu lassen?»

Dazu haben die Studienautoren zwei Gruppen in einem Feldexperiment befragt. In einem Falle handelt es sich um eine Gruppe von 527 Privatinvestoren ohne spezielles Fachwissen zum Thema Nachhaltigkeit oder ESG, aber mit Anlageerfahrung. Die Teilnehmer sind Mitglieder einer niederländischen Vereinigung, die die Interessen von Privataktionären vertritt. Im anderen Fall wurde das Experiment mit 125 sogenannten High Net Worth Individuals durchgeführt, also sehr vermögenden Investoren, die nicht nur erfahrene Anleger sind, sondern sich zudem speziell im Bereich Impact-Investing engagieren.

Dabei handelt es sich um eine von mehreren Anlagestrategien innerhalb des nachhaltigen Investierens; so zählen zum Impact-Investing beispielsweise Mikrofinanzkredite in Entwicklungsländern, die eine direkte positive Wirkung auf die Lebenssituation der Menschen vor Ort haben.

Eine weitere Strategie ist Engagement, bei der sich Fondsmanager in einen aktiven Dialog mit den Firmen begeben, in die sie investiert haben, um diese Unternehmen zu einem nachhaltigeren Verhalten zu bewegen. Eine weitere Anlagestrategie im Bereich Nachhaltigkeit kann sein, Firmen aus dem Anlageuniversum auszuschliessen, weil sie den eigenen Nachhaltigkeitskriterien nicht entsprechen. Dazu zählen zum Beispiel Tabak- oder Rüstungskonzerne.

Die Wirkung des Investments ist zweitrangig

Kölbel und seine drei Wissenschaftskollegen Florian Heeb, Falko Paetzold sowie Stefan Zeisberger fanden in ihren Experimenten zweierlei heraus: Beide Investorengruppen haben eine substanzielle Bereitschaft («substantial willingness to pay»), sich bei gleichen Produktkosten für das nachhaltige Anlageprodukt zu entscheiden, von dem sie annehmen, dass es eine positive Wirkung erzielt auf die (Um-)Welt. Jedoch scheint ihr Interesse an der Wirkung selbst nicht besonders gross zu sein. Selbst wenn die Wirkung (Impact) im Experiment um den Faktor zehn erhöht wird, steigt die Bereitschaft beider Investorengruppen kaum an, für mehr Wirkung auch mehr zu zahlen. Im Experiment wird angenommen, dass sich mit dem High-Impact-Produkt der CO2-Ausstoss auf einen Zehntel reduzieren liesse im Vergleich zum Low-Impact-Produkt.

Mit anderen Worten: Nachhaltigkeit stösst zwar auf reges Anlegerinteresse, die Frage nach der Wirkung des jeweiligen Produktes spielt jedoch für die Investoren eine Nebenrolle bei ihrem Investitionsentscheid. Und Produkte, die mehr Wirkung versprechen als andere, lösen bei den Probanden nur eine minim höhere Zahlungsbereitschaft aus.

Das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Wenn die Wirkung nachhaltiger Produkte selbst für Impact-Investment-Profis eine Nebenrolle spielt, öffnet das Anbietern theoretisch Tür und Tor, um allein mit wohlklingenden Versprechungen in den Depots der Kunden zu landen. Einen Nachweis über die tatsächliche Wirkung fordern die Kunden offenbar bis jetzt kaum ein.

Was aber treibt sie dann überhaupt an, in nachhaltige Produkte zu investieren? Ist es Altruismus, für ein öffentliches Gut einzustehen ohne Eigeninteresse? Vereinfacht gesagt: in eine bessere Welt zu investieren ohne Kinderarbeit, Klimaerwärmung und Ressourcenverbrauch auf Kosten nachfolgender Generationen, ohne unmittelbar selbst daraus einen Nutzen zu ziehen?

Nachhaltig investieren für das gute Gefühl

Leider auch nicht. Denn in diesem Fall müssten gemäss dem Ökonomen Kölbel die Investoren bereit sein, für mehr Impact mehr zu zahlen, speziell jene Anleger, die bereits auf ein vertieftes Wissen über Impact-Investments zurückgreifen können. Das ist jedoch nicht der Fall. «Im Umkehrschluss bedeutet das, dass eine zusätzliche Vermittlung von Wissen in diesem Bereich nicht ausreichen dürfte, um Kunden für das quantitative Ausmass ihrer Wirkung zu sensibilisieren», konstatiert Kölbel.

Vielmehr stellen die Wissenschafter einen anderen Grund fest, weshalb Anleger in Nachhaltigkeit investieren, ohne sich besonders für deren Wirkung zu interessieren: Es geht ihnen um das gute Gefühl («warm glow»). Das bedeutet: Investoren entscheiden sich für ESG-Produkte, weil ihnen die Idee, eine Wirkung zu erzielen, positive Emotionen verschafft, und nicht, weil sie den Wirkungsgrad des Produkts kalkulieren.

«Diese Forschungsergebnisse zeigen auf, dass es für Anbieter relativ einfach ist, Greenwashing oder Impact-Washing zu betreiben in einem globalen Markt, in dem inzwischen Anlagegelder in Höhe von geschätzt rund 30 Billionen Dollar verwaltet werden», sagt Kölbel warnend. Greenwashing bedeutet, dass Banken oder Fondsgesellschaften ihre Produkte als nachhaltig verpacken, ohne dass diese tatsächlich einen nachweislich positiven Effekt haben. «Wenn wir annehmen, dass es mit Kosten verbunden ist, eine Wirkung zu erzielen, dann könnten Finanzinstitute versucht sein, Produkte zu kreieren, die zwar keine Wirkung haben, aber dafür den Investoren ein gutes Gefühl geben», heisst es im Paper. Fälle von Greenwashing häufen sich, seit Regulatoren in den USA und in Europa bei den rosigen Versprechen der Finanzinstitute genauer hinschauen.

Greenwashing wegen falscher Anreize

So habe eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation «2 Degrees Investing Initiative» von 230 europäischen Anlagefonds mit Fokus auf Nachhaltigkeit ergeben, dass 52 Prozent explizit in den Fondsprospekten versprochen hätten, positiven Impact auf die Umwelt zu erzielen, ohne diese Wirkung jedoch zu quantifizieren, zitiert die Studie. Weil Investoren diese Beweise nicht einforderten, hätten Fondsanbieter deshalb auch keine Anreize, über quantifizierbare Wirkungsziele um Kunden zu werben. «Deswegen ist es wichtig, dass im laufenden Regulierungsprozess darauf gedrungen wird, Wirkungsversprechen präzise zu kommunizieren, so dass sich Qualität im Bereich ESG durchsetzen kann», fordert Kölbel. Das Vorgehen der schweizerischen Finanzmarktaufsicht (Finma) ist für den Ökonomen ein Beispiel für sinnvolle Regulierung: Anbieter müssten in ihren Prospekten aufzeigen, wie sie ihre Wirkungsversprechen umsetzen wollten.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren und vor allem vergleichbaren Wirkungsmessung könnte ein einheitlicher Nachhaltigkeitsstandard sein, ähnlich den finanziellen Rechnungslegungsstandards IFRS oder US-GAAP, nach denen alle Unternehmen weltweit ihre Daten erfassen und publizieren. An einem solchen Standard könnten sich Anleger orientieren und nachhaltige Produkte in ihrer Wirkung besser vergleichen, statt nur den schönen Versprechungen der Anbieter zu vertrauen. Ende des Jahres könnte ein erster derartiger Standard vorliegen.

Bis es so weit ist, kann die Studie als deutliche Warnung an die gesamte Nachhaltigkeitsbranche verstanden werden: Der Anreiz zu Missbrauch im ESG-Markt ist derzeit noch sehr hoch. Anleger sollten deshalb nicht nur ihrem guten Gefühl folgen, sondern dezidiert nachfragen, wenn ihnen die Wirkung nicht egal ist. Finanzinstitute sollten es im eigenen Interesse besser vermeiden, Greenwashing zu betreiben. Und die Politik sollte auf diesem weiterhin schnell wachsenden Markt mit einer intelligenten Regulierung bessere Qualität einfordern, um die selbst gesteckten Klima- und Nachhaltigkeitsziele im internationalen Kontext auch einhalten zu können.

Alexandra Stühff, «Neue Zürcher Zeitung» (16.09.2022)

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