Die Bedrohung durch den Klimawandel ist derweil ein Treiber nicht nur der Energiewende, sondern auch von Überlegungen, künftig künstlich die Temperaturen zu senken. Seit Jahren köchelt die Debatte über das sogenannte Geoengineering – und die Risiken, die mit einem gezielten Eingriff ins Klima einhergehen könnten. Aber die Debatte hat in den vergangenen Monaten einen kräftigen Schub bekommen.
Im Herbst hat die Uno offiziell zugegeben, dass das 1,5-Grad-Ziel des Klimaabkommens vorerst nicht mehr erreicht werde. Stattdessen sprechen nun auch Uno-Klimadiplomaten sowohl von einem «overshoot» – also der Tatsache, dass die 1,5-Grad-Marke gerissen werden wird – wie von der Notwendigkeit, diese Erwärmung in Zukunft wieder rückgängig zu machen.
Als Mittel wurden in der Regel vor allem Technologien diskutiert, die grosse Mengen CO2 aus der Atmosphäre entziehen. Diese Techniken hatten es lange in der klimapolitischen Debatte schwer und wurden insbesondere von Aktivisten als gefährliche Ablenkung abgetan. Erst in den vergangenen fünf Jahren haben sie angefangen, sich in Europa neben den benötigten Emissionsminderungen als ein weiteres notwendiges Instrument der Klimapolitik durchzusetzen.
Das Tabuthema Geoengineering wurde derweil von vielen Politikern und Forschern in der öffentlichen Debatte lange aussen vor gelassen – auch weil Umweltaktivisten Kampagnen fahren, um die Technologie im Keim zu ersticken. Und das, obwohl viele Diplomaten und Forscher seit Jahren die Sorge umtreibt, dass die wachsenden Gefahren durch den Klimawandel Regierungen oder private Unternehmen zu Eingriffen ins Klima treiben könnten.
Dabei geht es hauptsächlich um die Idee, in den oberen Schichten der Atmosphäre mithilfe von Flugzeugen oder Ballonen Sulfatpartikel zu versprühen. Das soll einen künstlichen Sonnenschirm schaffen, der zur Abkühlung der Luft führt.
Künstliche Eingriffe ins Klima werden Realität
Zehn Jahre nachdem das Pariser Abkommen beschlossen worden ist, sind diese Ängste nicht mehr nur Hirngespinste, sondern begründet. Im Oktober wurde bekannt, dass das israelisch-amerikanische Startup Stardust 60 Millionen Dollar an Finanzierung eingesammelt hat, um einen künstlichen Sonnenschirm zu entwickeln und die Temperatur zu senken. Unter den Geldgebern sind laut Medienberichten auch europäische Investoren, unter anderem der Investitionsarm der Industriellenfamilie Agnelli, Besitzer von Fiat.
Das Geld werde für kontrollierte Tests im Freien verwendet werden, sagte Yanai Yedvab, einer der Gründer, dem Politikmagazin «Politico» im Oktober. Bereits im April plant das Unternehmen reflektierende Partikel mit einem modifizierten Flugzeug über dem Meeresspiegel freizusetzen. Während Aktivisten also noch für ein Verbot jeglichen Versuchs und jeglicher Anwendung dieser Technologien werben, machen private Unternehmer schon weiter – und das ungehemmt von internationalen Regeln und Vorgaben.
Genau davor warnt der ehemalige hochrangige Uno-Diplomat Janos Pasztor seit Jahren. Schon kurz nachdem das Pariser Abkommen beschlossen worden war, setzte er sich mit den Anwendungsmöglichkeiten und Risiken von solarem Geoengineering auseinander – und forderte Regierungen und jeden, der zuhören wollte, auf, sich damit zu beschäftigen.
Lange verrichtete er seine Arbeit in den politischen Hinterzimmern. Im vergangenen Jahr verfasste er im Auftrag von Stardust einen Bericht über die Risiken der Technologie und die Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit. Die Veröffentlichung schlug damals keine grossen Wellen. Jetzt, wo die technischen Visionen des Unternehmens Wirklichkeit werden könnten, ist die Aufregung gross.
Damals wie heute steht für ihn fest: Regierungen und die Allgemeinheit müssten aufwachen und solche Aktivitäten entweder verbieten oder Rahmenbedingungen für ihre Anwendung schaffen. Untätigkeit, sagt Pasztor, «ist riskant, unverantwortlich und daher keine Option».
Zehn Jahre nach Paris sind nicht nur die gefährlichen Auswüchse des Klimawandels für viele Länder bittere Realität, sondern auch Motor einer Entwicklung, die viele jahrelang als Science-Fiction abgetan haben – und nie wahrhaben wollten. Die kommenden zehn Jahre werden wohl zeigen, ob die Realität am Ende schräger sein wird als jede Fiktion.