Von Los Angeles bis Südostasien eskalieren Klimakatastrophen – doch hinter den Schlagzeilen verbirgt sich etwas noch Beunruhigenderes: Wir finanzieren die Zerstörung der Natur weiterhin mit mehr als 7 Billionen Dollar jährlich.
Der «State of Finance for Nature 2026»-Bericht des UNEP quantifiziert das Ausmass: Für jeden Dollar, der in den Schutz der Natur investiert wird, gibt die Welt 30 Dollar für deren Zerstörung aus. Von den 7,3 Billionen Dollar naturschädlicher Finanzströme stammen 4,9 Billionen aus dem Privatsektor. Kapitalströme widersprechen der Wertschöpfung, physische Risiken werden schneller neu bewertet als Portfolios angepasst – und die Natur selbst wird systematisch unterbewertet.
Das sind keine abstrakten Risiken. Es handelt sich um unterbrochene Lieferketten, zerstörte Infrastruktur und vertriebene Gemeinschaften. Die Natur unterstützt 58 Billionen Dollar des globalen BIP. Wie André Hoffmann, Vizepräsident des Verwaltungsrats von Roche, am World Economic Forum (WEF) in Davos formulierte: «Ohne Natur gibt es keine Menschheit, kein Geschäft, keine Dividende, keine Aktionäre.»
Die Kosten der Untätigkeit sind gewaltig: Laut IPBES könnten durch den Kollaps von Ökosystemen bis zu 25 Billionen US-Dollar jährlich verloren gehen. Gleichzeitig schätzt das WEF, dass naturpositive Transformationen bis 2030 über 10 Billionen US-Dollar an neuen Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten schaffen könnten. Natur ist kein Hindernis für Wachstum – sie ist die Infrastruktur, auf der nachhaltiger Wohlstand basiert.
Der «perfekte Sturm» für Naturfinanzierung
2026 markiert einen Wendepunkt, weil drei Entwicklungen konvergieren:
1. Regulierung schafft Nachfrage: Das ISSB hat Pläne zur Entwicklung von Offenlegungsanforderungen für naturbezogene Risiken angekündigt. Die Europäische Zentralbank verpflichtet Banken, Klima- und Naturrisiken umfassend zu bewerten.
2. Messbarkeit entsteht: Analog zum Treibhausgas-Protokoll entsteht ein Nature Measurement Protocol, das Unternehmen ermöglicht, ihre Abhängigkeiten von der Natur systematisch zu messen und zu berichten.
3. Finanzinstrumente werden skaliert: Blended Finance, nachhaltigkeitsgebundene Kredite und Biodiversitäts-Credits entwickeln sich zu praktikablen Mechanismen, um Kapital in naturpositive Lösungen zu lenken.
Warum Kapital dennoch zu langsam fliesst
Trotz wachsender Dynamik stammen bislang nur etwa 18 Prozent der naturpositiven Investitionen aus dem privaten Sektor. Drei zentrale Hindernisse bremsen den Kapitalfluss:
1. Fehlende Übersicht über investierbare Lösungen: Unternehmen und Investoren sehen sich mit einer Flut an Startups konfrontiert, deren Wirkung schwer zu beurteilen ist. Plattformen wie Innovate 4 Nature versuchen, durch strukturierte Auswahlprozesse diejenigen Lösungen zu identifizieren, die ökologische Wirkung und wirtschaftliche Skalierbarkeit verbinden.
2. Unklare Bewertung von Naturwerten: Ein zentraler Wandel findet derzeit in der Unternehmensbilanzierung statt: Natur wird zunehmend als wirtschaftlicher Vermögenswert betrachtet. Erste Beispiele zeigen, dass die Berücksichtigung von Ökosystemleistungen den Unternehmenswert deutlich verändern kann. Unternehmen beginnen daher, Naturkapital in Risikoanalysen, Geschäftsstrategien und Finanzentscheidungen einzubeziehen.
3. Umsetzungskapazität in Unternehmen: Viele Unternehmen haben Biodiversitätsziele formuliert, verfügen aber noch nicht über die internen Fähigkeiten, diese in operative Strategien zu übersetzen.
Ein entscheidendes Jahrzehnt
Der Handlungsdruck wächst. Laut dem Living Planet Report ist die durchschnittliche Grösse beobachteter Wildtierpopulationen in den letzten 50 Jahren um 73 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig haben Staaten weltweit ambitionierte Ziele bis 2030 vereinbart – vom Pariser Klimaabkommen bis zum globalen Biodiversitätsrahmen.
Die Wissenschaft macht deutlich: Mehrere planetare Grenzen sind bereits überschritten, doch ein kleines Zeitfenster bleibt offen. Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte müssen jetzt gemeinsam handeln.
2026 als Wendepunkt
Mit wichtigen internationalen Treffen – darunter der Global Nature Positive Summit und die nächste UN-Biodiversitätskonferenz – wird 2026 zu einem Schlüsseljahr für Naturfinanzierung. Unternehmen entwickeln naturpositive Strategien, Investoren strukturieren Projekte als investierbare Anlageklassen, und neue Standards machen Naturleistungen erstmals systematisch messbar.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Kapital in naturpositive Lösungen fliessen wird – sondern wie schnell.