Ein Bücherregal für unter 60 Franken, ein Sofa zum Preis von weniger als zwei Tagesskipässen – kostengünstiges Wohnen ist längst für viele selbstverständlich geworden. Doch genau dieses Erfolgsmodell gerät heute unter Druck. Die Möbelindustrie sieht sich mehr denn je herausgefordert, den Spagat zwischen «preiswert» und «nachhaltig» zu meistern.
Denn das Prinzip, das sie gross gemacht hat, passt immer weniger in die Gegenwart. Jahrzehntelang funktionierte Möbelkonsum vor allem linear: kaufen, nutzen, entsorgen. Heute steht dieses Modell im Konflikt mit knapper werdenden Ressourcen, ehrgeizigen Klimazielen und verschärften Öko-Standards.
Die Alternative heisst Kreislaufwirtschaft: Möbel sollen nach Gebrauch nicht mehr einfach im Sperrmüll landen, sondern möglichst lange genutzt, repariert, weitergegeben oder wiederverwertet werden. Ziel ist es, Abfall zu vermeiden und wertvolle Ressourcen im Umlauf zu halten.
Doch funktioniert das auch mit Möbeln, die bewusst billig produziert und zu wahren Schnäppchenpreisen angeboten werden? Anders gefragt: Kann ein Geschäftsmodell das auf günstige Massenware setzt, tatsächlich nachhaltig sein?
Schnelllebiger Konsum
Gerade die Möbelindustrie gilt in dieser Hinsicht als eine Schlüsselbranche. Ihre Produkte sind materialintensiv, das Verarbeiten von Holz, Metallen und Kunststoffen verbraucht jede Menge Energie und verursacht zudem erhebliche CO₂-Emissionen – und dennoch werden viele Möbelstücke heute schneller ersetzt als in früheren Zeiten. Einst waren Sessel und Sofas, Tische und Schränke langlebige Güter, die über Generationen hinweg in Gebrauch waren. Mittlerweile sind sie viel stärker Trendprodukte und damit Ausdruck eines schnelllebigen Konsums. Oder anders gesagt: Was früher ein Kauf fürs Leben war, ist heute oft ein Produkt für einige Jahre oder sogar nur für einen Lebensabschnitt: erste Wohnung, neuer Stil, Zügeln an einen anderen Ort.
Kaum ein Unternehmen verkörpert diese Entwicklung so sehr wie Ikea. Der 1943 gegründete Einrichtungskonzern hat günstiges Wohnen gewissermassen demokratisiert und das Prinzip niedrigpreisiger, modularer Möbel weltweit etabliert. Er hat damit auch eine Kultur des schnellen Austauschs geprägt.
Ikea steht nun im Zentrum der Transformation – und will zeigen, dass es auch anders geht. So hat man sich das Ziel gesetzt, bis 2030 zu einem vollständig kreislauforientierten Unternehmen zu werden (s. Interview). Gleichzeitig sollen bis dahin mindestens 90 Prozent der Produkte aus erneuerbaren oder recycelten Materialien bestehen. Schon heute stammen 73 Prozent der verwendeten Materialien aus nachhaltigen Rohstoffen.
Um derart ambitionierten Ziele zu erreichen, setzen Unternehmen wie Ikea gleich mehrere Hebel an:
- Design für Wiederverwendung – Produkte werden so entworfen und gestaltet, dass sie möglichst optimal repariert, wiederverwendet oder recycelt werden können.
- Recyclingmaterialien: Der Anteil erneuerbarer und recycelter Rohstoffe wird kontinuierlich erhöht.
- Rücknahme- und Secondhand-Programme: Gebrauchte Möbel werden zurückgenommen, aufbereitet und wiederverkauft.
- Reparieren statt entsorgen: Ersatzteile werden kostenlos bereitgestellt, um die Lebensdauer der Möbelstücke zu verlängern.
Diese Massnahmen sind Teil einer umfassenderen Nachhaltigkeitsstrategie, die Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und gesellschaftliche Aspekte verbindet – und Produkte zugleich erschwinglich und zugänglich halten soll.
Zielkonflikt auflösen
Genau hier liegt das Dilemma. Niedrige Preise waren lange ein Treiber für hohen Konsum. Wer günstig kauft, ersetzt schneller – ein Problem für jede Form der Nachhaltigkeit. Branchenvorreiter versuchen, diesen Zielkonflikt aufzulösen, indem sie Kreislaufprinzipien in ihr Geschäftsmodell einbeziehen. Recycelte Materialien senken langfristig Kosten, Secondhand-Angebote schaffen neue Einnahmequellen, und Reparaturservices stärken die Kundenbindung. Gleichzeitig erfordert eine solches Vorgehen Investitionen in neue Materialien und Prozesse. Das drückt zunächst die Margen.
Kann preisgünstig tatsächlich nachhaltig sein? Die Antwort fällt ambivalent aus. Einerseits «Ja», unter bestimmten Bedingungen – wenn Produkte langlebig und reparierbar sind, Materialien recycelt oder erneuert werden können und Geschäftsmodelle auf Wiederverwendung setzen (Secondhand, Leasing).
Andererseits «Nein» – wenn niedrige Preise zu häufigem Austausch führen, Qualität und Lebensdauer der Produkte zu gering sind und Kreislaufangebote nur ein Zusatz- oder Nebengeschäft bleiben.
Umdenken erforderlich
Die Transformation betrifft nicht nur die Unternehmen, sondern auch uns – die Konsumentinnen und Konsumenten. Kreislaufwirtschaft ist letztlich eine kulturelle Frage: Sind wir bereit, Möbel länger zu nutzen – auch wenn sie vielleicht nicht mehr dem Trend entsprechen, Gebrauchsspuren zu akzeptieren, Dinge aufzubereiten und weiterzugeben, statt sie auf den Müll zu werfen? Der entscheidende Aspekt ist am Ende nicht, ob Möbel billig sein dürfen. Sondern: Wie lange sie bleiben.
Nach Angaben von Statista gibt jeder Schweizer Haushalt im Durchschnitt rund 600 Franken pro Jahr für Möbel aus, dabei aber sehr ungleich verteilt über die Jahre. Was positiv stimmt: Branchenberichten zufolge stossen nachhaltige Materialien und umweltschonend hergestellte Möbel heute auf immer grössere Nachfrage.
«Wir verbessern kontinuierlich unsere Prozesse»
Interview mit Janie Bisset, CEO und Chief Sustainability Officer (CSO) von Ikea Schweiz
Wie hoch ist aktuell der Anteil an recycelten und nachwachsenden Rohstoffen in Ikea-Produkten?
Janie Bisset: Nachhaltigkeit steht im Zentrum unserer Prinzipien des «Democratic Design» und bedeutet, dass unsere Produkte kreislauffähig und recycelbar gestaltet sind. Aktuell bestehen 73 Prozent der in unseren Produkten verwendeten Materialien aus recycelten oder erneuerbaren Rohstoffen. Unser Ziel ist es, diesen Anteil bis 2030 auf mindestens 90 Prozent zu steigern.
Holz ist Ihr wichtigster Rohstoff. Wie stellen Sie sicher, dass die hohe Nachfrage nach Möbeln nicht auf Kosten der Wälder geht?
Holz ist eines unserer wichtigsten und am häufigsten verwendeten Materialien. Es ist ein wesentlicher Teil unseres schwedischen Design-Erbes. Es ist vielseitig, langlebig, erneuerbar und recycelbar. Wir verbessern kontinuierlich unsere Prozesse und investieren in Innovationen, damit wir Holz effizienter nutzen und den Anteil an recyceltem Holz in unseren Produkten weiter steigern können.
Eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung zielt auf das kontinuierliche Wachstum der Wälder ab, indem weniger geerntet wird, als nachwächst und indem die Regeneration der abgeholzten Flächen ermöglicht wird. Sie trägt dazu bei, die Folgen des Klimawandels abzuschwächen, negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt zu minimieren, diese zu schützen und zugleich die Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinschaften zu unterstützen. Unsere Massnahmen stützen sich auf die neuesten Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung, sodass wir sowohl heute als auch in Zukunft faktenbasierte Entscheidungen treffen können.
Inwiefern beeinflusst der Nachhaltigkeitsgedanke die Entwicklung und Gestaltung Ihrer Produkte?
Beim Design unserer Produkte spielen Prinzipien des zirkulären Designs eine wichtige Rolle. Von Anfang an verfolgen wir unseren Ansatz des «Democratic Design». Das bedeutet, dass unsere Designerinnen und Designer die klare Anweisung erhalten, neben Form, Funktionalität und Qualität, die ebenso wichtigen Aspekte wie Nachhaltigkeit und Preis zu berücksichtigen. Die Gestaltung von Produkten nach diesen Prinzipien stellt sicher, dass sie repariert, wiederverwendet, aufbereitet und als letzte Massnahme recycelt werden können.
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