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Aus alten Fahrradreifen lassen sich wieder neue machen – die Recyclingquote ist hoch.
Aus alten Fahrradreifen lassen sich wieder neue machen – die Recyclingquote ist hoch.

Aus alten Fahrradreifen lassen sich wieder neue machen – die Recyclingquote ist hoch. Bild: PD

Produktion & Konsum

Veloreifen landen meist im Abfall. Nur ein Hersteller hat ein Verfahren zum Recycling entwickelt – und spart so Rohmaterial

Der Marktführer Schwalbe aus dem Oberbergischen Kreis bei Köln sammelt Reifen und Schläuche auch anderer Hersteller und macht daraus neue. Das ist aufwendig – aber das Material hat keine Mängel.

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Veloreifen landen meist im Abfall. Nur ein Hersteller hat ein Verfahren zum Recycling entwickelt – und spart so Rohmaterial

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Ganz ehrlich: Wer interessiert sich für Fahrradreifen? Bis auf Rennrad- oder Mountainbike-Fahrer, die ihren Sport exzessiv betreiben, kümmern sich die wenigsten Fahrradfahrer um ihre Reifen. Doch mit geschätzten 89 Millionen Fahrrädern in Deutschland und damit mindestens 178 Millionen Reifen sind sie aus ökologischer Sicht nicht zu vernachlässigen. Je nach Zusammensetzung halten Fahrradreifen zwischen 2000 und 12 000 Kilometer, bei manchen Drahteseln auch ein Leben lang. Doch spätestens beim Wechsel lautet die Frage: wohin mit dem alten Gummi?

Der Wurf in die Hausmülltonne ist zwar weit verbreitet, aber eine schlechte Idee. Denn dann werden sie über den Restmüll entsorgt und anschliessend thermisch verwertet – ergo verbrannt. Einfaches Schreddern der Reifen als stoffliche Verwendung funktioniert zwar auch, zählt aber zum Downcycling. Heisst: Aus dem gewonnenen Material können keine hochwertigen oder gleichwertigen Produkte entstehen, sondern nur einfachere.

Doch es gibt seit ein paar Jahren eine Möglichkeit zum Wiederverwerten. Der Reifenhersteller Schwalbe aus dem Oberbergischen Kreis in der Nähe von Köln bietet eine Kreislaufwirtschaft für Reifenmäntel und Schläuche an. Dabei wird das Material – egal welchen Herstellers – aufbereitet und grösstenteils wiederverwendet.

Die Materialien müssen sortenrein getrennt werden

Auch wenn ein Fahrradreifen für viele nur rund und schwarz ist, steckt viel Know-how in ihm. Der innere Schlauch besteht aus Butylkautschuk, der vergleichsweise einfach zu rezyklieren ist. Ein Reifen hingegen ist unter anderem aus Gummi, Stahl und Textil konstruiert. Die Herausforderung liegt in der sortenreinen Trennung der drei Grundmaterialien.

Gummi, Stahl, Textilfasern (v. r.): Ein Verfahren zur sortenreinen Trennung ist der Kern des Recyclings. Bild: PD

Schwalbe ist nach eigenen Aussagen bei Fahrradreifen in Europa Marktführer. Seit 1922 kümmert sich das Familienunternehmen Bohle um Fahrräder, seit 1973 unter dem Markennamen Schwalbe um Fahrradreifen und -schläuche. Diese produziert das Unternehmen mit seinem koreanischen Partner Hung-A in Asien.

Heute ist Schwalbe mit seinen etwa 280 Mitarbeitern und rund 20 Millionen verkauften Reifen pro Jahr der Marktführer in Deutschland. Bekanntestes Produkt dürfte seit 1983 der Schwalbe-Marathon sein, einer der ersten langlebigen Fahrradreifen auf dem Markt und nun in der sechsten Generation als Marathon Green im Handel. Neue Reifen entwickeln können die Ingenieure. Doch was ist mit Altreifen? Die waren lange ein ungelöstes Problem.

Auf neues Öl und Russ wird verzichtet

Anfang der 1990er Jahre traten Händler an Schwalbe heran und fragten nach einem Recycling-Kreislauf. Schwalbe reagierte, sammelte das alte Gummi ein und liess es zu Werkstattmatten verarbeiten. Doch das Downcycling-Verfahren blieb Rohstoffverschwendung. Schwalbe suchte einen neuen Lösungsansatz für ein umfassendes Recycling.

Auf Basis eines seit den 1970er Jahren bekannten Verfahrens entwickelte der Werkstudent Sebastian Bogdahn ab 2019 gemeinsam mit der TH Köln und dem saarländischen Unternehmen Pyrum Innovations AG eine Methode zur Verwertung von Fahrrad-Altreifen: eine Pyrolyse, eine chemische Umwandlung bei hohen Temperaturen.

Beim thermochemischen Recycling, wie Pyrolyse auch genannt wird, zersetzen sich Altreifen in Gas, das nach der Abkühlung zu Flüssigkeit kondensiert. Das gewonnene Pyrolyseöl wird als Ersatz für Rohöl verwendet. Die nicht kondensierten Gase lassen sich zur Beheizung und zum Betrieb der Pyrolyseanlage und der Peripherie verwenden. Der übrig bleibende Pyrolyseruss (recovered carbon black, rCB) wird als Ersatz für Industrieruss verwendet.

Bei der Pyrolyse erhalten Unternehmen hochwertige Rohstoffe und können so auf neues Rohöl und Industrieruss verzichten. Dabei bleiben Qualität und Performance bei den späteren Produkten durch entsprechende Anpassung in der Entwicklung gleich oder werden sogar besser. Ein wichtiger Schritt: Denn das grösste Potenzial zu CO2-Einsparung liegt bei den Rohstoffen.

Aus Granulat werden einzelne Rohstoffe

Gemeinsam mit Altreifen von Pkw und Lkw wird das schwarze Gummi in den Anlagen der Pyrum Innovations AG im Saarland in einem mehrstufigen Verfahren weiterverarbeitet. In der ersten Stufe schreddern Maschinen die Altreifen, in der zweiten produziert die Anlage feines Gummigranulat, Gewebefasern und Stahlgranulat. Das Gummigranulat durchläuft einen rund 20 Meter hohen Pyrolysereaktor.

Nach dem Schreddern wird das Granulat weiterverarbeitet. Bild: PD

Ohne Luft zersetzt der Reaktor das Gummigranulat in Öl, Koks und Gas, das in Energie umgewandelt und in der Anlage verstromt wird. Der gewonnene Stahl landet in einem saarländischen Stahlwerk, das Gummigranulat in der Pyrolyse, und das daraus gewonnene Öl geht als Substitut für Rohöl an den Chemiekonzern BASF. Der gewonnene Russ, der Pyrolysekoks, wird zu Schwalbe transportiert und fliesst in neue Produkte.

Auch wenn sich das Recycling aus rein wirtschaftlicher Sicht nicht lohnt, es ist für Felix Jahn, Leiter Corporate Social Responsibility bei Schwalbe, der einzige richtige Schritt: Die in den Reifen enthaltenen Rohstoffe werden wiederverwertet und müssen nicht verbrannt werden – wobei wieder Emissionen entstünden. Aus dem Material können anschliessend neue Reifen oder alle anderen Produkte auf Basis von Öl wie Textilien produziert werden – ohne Qualitätsverlust.

Seit 2022 stellt Schwalbe Fahrradhändlern auf Wunsch einen schwarzen Container, in dem rund 200 Reifen Platz haben. Von den geschätzten 6000 Händlern in Deutschland legen schon mehr als 1800 Händler die Altreifen ihrer Kunden in diese Box des Schwalbe-Recycling-Systems und lassen sie anschliessend kostenpflichtig über Spediteure ins Saarland transportieren. Schwalbe organisiert die Logistik mit den Sammelboxen. In den vergangenen drei Jahren kamen so etwa 2 Millionen Altreifen zusammen. Schläuche werden schon länger gesammelt – über 15 Millionen Schläuche seit 2015, Tendenz steigend.

Bei Schwalbe werden vier Fünftel aller neuen Reifen aus rezyklierten und erneuerbaren Rohstoffen hergestellt. Bild: PD

Die Nachfrage sei enorm, so dass Schwalbe das System künftig auch im Ausland etablieren wird. Bis 2040 will das Unternehmen CO2-neutral produzieren. So besteht der Schwalbe-Green-Marathon zu 80 Prozent aus rezyklierten und erneuerbaren Rohstoffen. Der Schwalbe-Reifen Big Apple besteht aus 100 Prozent rezykliertem Russ und fair gehandeltem Naturkautschuk.

Generell gilt: Jeder Reifen lässt sich auf extreme Haltbarkeit auslegen. Sogenannte Anti-Platt-Reifen versprechen besondere Langlebigkeit. Es ist also möglich, langlebige Reifen zu produzieren – doch wenn sich das beim Fahren als Unausgewogenheit bemerkbar macht, ist auch wenig gewonnen.

Dennoch können Radfahrer ihre Reifen schonen. Der korrekte Luftdruck ist ebenso wichtig wie der richtige Einsatz des Reifens. Zu wenig Luftdruck verschlechtert die Fahrbarkeit und sorgt für weiche Seitenwände. Dies erhöht den Verschleiss. Und Mountainbike-Reifen mit Stollen gehören ins Gelände und nicht auf den Asphalt. Denn dort nutzen sie sich deutlich schneller ab – und landen zu früh, bitte nicht, im Abfall.

Fabian Hoberg, «Neue Zürcher Zeitung» (08.01.2026)

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